Titel:
83 Kilometer in sechs Stunden
Beschreibung:In den Urlaub mit dem Auto 83 Kilometer in sechs Stunden schaffen – so begannen in meiner Kindheit die Sommerferien. Und zwar nicht, weil ich mit meinen Eltern im Stau auf irgendeiner deutschen Autobahn steckte, sondern weil wir in Südchile über etwas mussten, was die Chilenen als „Weg“ bezeichnen, für das mir jetzt aber keine Bezeichnung einfällt. Wir lebten damals in dem kleinen Städtchen La Unión, wo mein Vater als deutscher Lehrer im Auslandsdienst gegangen war. Eben diese 83 Kilometer entfernt lag auf der anderen Seite der Küstenkordillere Hueicolla, ein großer Strand, an dem die La Unioniner Oberschicht ihre Sommerhäuser hatten. Was Hueicolla so schön macht, lässt sich in Worten kaum beschreiben: dunkle Felsen, an denen die mächtige Brandung des Pazifik donnert, dazwischen kleine Buchten aus gelbem Sand und im Hintegrund die wildbewachsenen Hänge der Kordillere; der Urwald, der sich bis zum Strand herunterzieht. Ein Paradies, in das keine Strom- oder Telefonleitung führte und in das man nur über diese Piste durch die Kordillere kam, vorbei an bis zu 1000-jährigen Bäumen. Eigentlich zu schön, um wahr zu sein. So wie auch dieses Foto irgendwie unecht wirkt, wie eine Fotomontage, vor einer künstlichen Kulisse sorgfältig inszeniert. Dabei war es der klassische Schnappschuss mach einem “Alle mal hergucken!“ „Alle“ das sind die beiden Freunde meiner Eltern, ganz rechts im Bild der Mann im Taucheranzug: Werner Grob, eine Grundbesitzer, der eben vom Muschelsuchen aus dem Wasser kam. Die Frau auf dem Bild mit der Pisco-Flasche in der Handist Olga Böttcher, unsere Gastgeberin, die den Ort Hueicolla als junges Mädchen entdeckt hatte – als erste Pilotin Südamerikas hatte sie den Urwald damals überflogen und war direkt danach zu Pferd mit ihren Leuten zurückgekehrt, um dort ein Haus zu bauen. Neben ihr steht Jorge, ihr Adoptivsohn und mein Freund aus der Schule. Der Mann auf dem Pferd muss einer der ansässigen Fischer sein die das ganze Jahr über dort leben; nur via Funk mit der Außenwelt verbunden. Wer die anderen sind, weiß ich nicht, aber das spielt keine Rolle, denn so, es auf dem Bild rüberkommt, war es: Ein 14-tägiger Spaß, wo wir Kinder von den ganzen Tag über in einer überwältigenden Natur herumtobten und abends am gutgelaunten Leben der Großen teilnehmen durften. Das absolute Paradies, eben fast zu schön, um wahr zu sein.
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