Slum-Knigge

Purer Voyeurismus, sagen die Gegner. Hilfreich, wenn man es richtig macht, sagen die Befürworter. Slumtourismus ist umstritten - und boomt
In diesem Artikel
Pro und Contra

Pro und Contra

Slums liegen im Trend. Spätestens seitdem in den Kinosälen gezeigt wurde, dass ein Junge aus einem Elendsviertel auch ohne Schulbildung Millionär werden kann: Nach den Oscars für den Film "Slumdog Millionaire" wollen immer mehr Menschen die Armenquartiere dieser Welt besuchen. Allein der Anbieter "Reality Tours and Travel" in Mumbai verbuchte nach eigenen Angaben ein Teilnehmer-Plus von 25 Prozent. Gut so - sagen einige. Leider - sagen andere.

Zootiere? Nein, Menschen!

Fremdenführungen durch Slums sind umstritten. Die Gegner dieser Sightseeing-Touren argumentieren, es ist purer Voyeurismus. Wenn reiche Ausländer in die Intimsphäre drängen, müssen sich die Bewohner der Viertel vorkommen wie Zootiere.

Die Befürworter hingegen sind anderer Meinung: Bei diesen Touren geht es nicht um Voyeurismus oder Erniedrigung. Slumtourismus ist ein Weg reichen Touristen die Armut in solchen Vierteln bewusst zu machen. Denn in Slums leben eben keine Zootiere, sondern Menschen. Würde man ihre Viertel bei Stadtführungen ausschließen, würde man deren Existenz nahezu leugnen.

Vier Regeln

Der US-amerikanische Autor Eric Weiner befürwortet Slumtourismus. Entscheidend sei aber, wie man es macht, sagt er und hat vier Leitsätze für Slumtouren aufgestellt.

Erstens: Kleine Gruppen. 50 Touristen, die gemeinsam durch die engen Viertel streifen, wirken tatsächlich wie eine Invasion, wie eine Klassenfahrt in den Freizeitpark. Maximal sechs Teilnehmern sollte die Gruppe zählen.

Zweitens: Keine Fotos. Klickende Kameras machen die Menschen misstrauisch und wirken voyeuristisch.

Drittens: Hilfe für die Slums. Teilnehmer sollten darauf achten, dass die Tour-Gebühr in Teilen auch den Bewohnern zugutekommt. Einige Anbieter fördern zum Beispiel kommunale Einrichtungen in den Quartieren.

Viertens: Wirbt ein Anbieter sehr aggressiv für seine Touren, sollten Sie ihn meiden. Führungen durch Slums sind kein Abenteuer und schon gar kein "kulturelles Bungee-Jumping", wie Weiner es nennt.

Was denken Sie?

Doch was ist jetzt richtig? Sicher ist: Ein Slum-Besuch ist keine Entertainment-Show. Er ist ein Blick auf reelle Armut, auf Lebenswelten, die sonst verschlossen bleiben oder im Kino stilisiert werden. Doch ist dieser Blick verwerflich? Stillt er nur unseren Durst nach Sensation? Oder ist er vielleicht doch nützlich, weil er auf eine Weise für die Probleme in den Slums sensibilisiert wie es Berichte, Fotos und Filme nie könnten? Slum-Touristen denken die Armut nicht, sie spüren sie. Rechtfertigt das den Besuch?

Was halten Sie davon? Haben Sie bereits an einer Tour teilgenommen? Wie sind Ihre Erfahrungen? Würden Sie gerne einen Blick in einen Slum werfen - oder ist das anstößig? Diskutieren Sie im Forum.

Dharavi Slum Tours, Mumbai (Indien)

Anbieter

Reality Tours and Travel

Touren: täglich

Telefon: 0091 (0) 98 20 82 22 253 (mobil)

E-Mail: info@realitytoursandtravel.com

Ziel

Dharavi liegt in der indischen Metropole Mumbai und wird oft als der größte Slum Asiens bezeichnet. Doch obwohl dort schätzungsweise zwischen 350.000 und einer Million Menschen auf zwei Quadratkilometern Fläche wohnen, ist dieses Attribut fraglich. Nicht seine Größe, sondern seine Lage machen das Viertel einzigartig: Zwischen zwei wichtigen Eisenbahntrassen gelegen, hat sich Dharavi im Zentrum der Stadt ausgebreitet, ist Wohnviertel und Kleingewerbegebiet zugleich. Die Bewohner töpfern, stellen Seife her, sticken und verkaufen Backwaren. Insgesamt, so Schätzungen, hat das Gebiet eine Wirtschaftsleistung von 665 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Anliegen

Der Anbieter möchte mit dem "Negativ-Image, dass dem Slum und seinen Bewohnern anhaftet, aufräumen" und glaubt, dass durch die Touren das interkulturelle Verständnis verbessert wird. Mit den Einnahmen werden nach Angaben von "Reality Tours und Travel" das Gemeinde- und Ausbildungszentrum gefördert.

Angebot

Vier verschiedene Führungen: Die kleine Tour dauert zweieinhalb Stunden zum Preis von 10 US-Dollar. Die viereinhalbstündige "Long Tour" (20 US-Dollar) führt genau wie die "Private Long Tour" (80 US-Dollar) zusätzlich ins Rotlichtviertels Dharavis. Letztere wird allerdings auf die individuellen Wünsche der Touristen abgestimmt. Außerdem gibt es noch eine Führung, die den Besuch in Dharavi mit traditionellem Sightseeing in Mumbai verbindet (135 US-Dollar für neun Stunden).

Favela Tour, Rio de Janeiro (Brasilien)

Anbieter

Favela Tour

Marcelo Armstrong

Telefon: 0055 (21) 3322-2727

E-Mail: info@favelatour.com.br

Ziel

In den rund 750 Favelas Rio de Janeiros leben 20 Prozent der Einwohner der brasilianischen Metropole. "Rochina" ist das größte Elendsquartier des Landes, gilt allerdings als offizielles Viertel Rios. Tatsächlich wohnen die schätzungsweise 60.000 bis 150.000 Einwohner kaum in Baracken: Viele der Steinhäuser auf einem Hügel im Süden der Stadt sind an das Stromnetz angeschlossen und mit Sanitäranlagen ausgestattet. Das Viertel hat sogar einen eigenen Fernsehsender: TV ROC.

Anliegen

"Favela-Tour"-Gründer Marcelo Armstrong gilt als Erfinder des Slum-Tourismus. 1992 organisierte er die ersten Führungen in die Elendsviertel Rio de Janeiros, um Touristen "die Städte innerhalb seiner Heimatstadt" zu zeigen. Nur so denkt er, lerne man den Alltag und die Gesellschaft Brasiliens tatsächlich kennen.

Angebot

Die dreistündige Tour wird zwei Mal täglich angeboten. Zuerst geht es nach Rocinha, dort erklärt der Fremdenführer, wie das Leben in der Favela funktioniert. Nach einem Zwischenstopp in einem Zentrum für Kunsthandwerk, landet die Gruppe in Vila Canoas in der "Para Ti"-Schule, die durch "Favela Tour" finanziert wird. Die Kinder des Viertels werden dort unterrichtet, lernen den Umgang mit Computern kennen und stellen Handarbeiten her. Abschließend streifen die Teilnehmer der Tour gemeinsam durch die Gemeinde.

Weekly Dump Feeding Tour, Mazatlan (Mexiko)

Anbieter

Vineyard Ministries

Telefon: 0052 (0) 11 52 16 69 91 81 071

E-Mail: vineyardmzt@yahoo.com

Ziel

Mazatlan liegt im Westen Mexikos, direkt am Pazifik gegenüber der Halbinsel Baja California. Die Stadt ist ein beliebtes Ziel für Touristen, sie beherbergt 340.000 Einwohner und den wichtigsten Handelshafen des Landes.

Anliegen

Eine christliche Gruppe der Pfarrei Vineyard versorgt die Bewohner der städtischen Müllkippe mit Lebensmitteln.

Angebot

Die Gruppe fährt wöchentlich in die Elendsquartiere auf der Müllekippe Mazatlans. Auch Touristen können daran teilnehmen. Vor der Abfahrt schmieren sie Brote für die Menschen, die auf und von der Halde leben. Nähere Informationen und Reservierungen gibt es bei der Pfarrei.

GEO Reise-Newsletter