Verhalten: Geheimnisvolles Frühwarnsystem

Warum sind Wildtiere von der durch ein Seebeben ausgelösten Flutwelle in Südasien offenbar weitgehend verschont geblieben? In der Forschung werden unterschiedliche Thesen zu dem Phänomen diskutiert

Für Wildhüter und Touristen im Yala-Nationalpark auf Sri Lanka begann der 26. Dezember 2004 so still, dass es ihnen hätte auffallen müssen. Elefanten, Wasserbüffel, Affen und Hirsche hatten sich landeinwärts verzogen, Vögel waren in Schwärmen auf und davongeflogen. Was es zu bedeuten hatte, erschloss sich erst im Rückblick und mit einer Vermutung: Die Tiere hatten auf das Seebeben und den nahenden Tsunami reagiert und sich in Sicherheit gebracht.

Auch bei terrestrischen Beben, Vulkanausbrüchen oder starken Wetteränderungen berichten Augenzeugen von auffälligem Verhalten einiger Tiere kurz vor Eintritt der Naturkatastrophe: Hunde werden unruhig, Katzen tragen ihre Jungen aus dem Haus, Ratten und Mäuse kriechen aus ihren Löchern, Rehe verlassen ihre Deckung im Wald und drängen in die Nähe von Dörfern.

Eine Fülle von Einzelbeobachtungen etwa zu Erdbeben, doch kaum wissenschaftliche Beweise, resümiert Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Verhaltensforschung im österreichischen Grünau. Auch die deutsche Forschergemeinde ist sich größtenteils einig: Ernst nehmen müsse man die Beobachtungen. Aber ein Mechanismus, der dieses Verhalten erkläre, sei bisher nicht nachzuweisen. Man könne ein Erdbeben oder einen Tsunami nicht künstlich auslösen, um unter Laborbedingungen herauszufinden, wie Tiere darauf reagieren und welchen Sinnen sie dabei folgen. "Ein spezieller Sinn zur Wahrnehmung von Erdbeben kommt allerdings nicht in Betracht", sagt Wolfgang Wickler, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen. Viel wahrscheinlicher sei, dass die Tiere ihre vorhandenen Sinne anders nutzen als der Mensch.

Benedikt Grothe, Professor für Neurobiologie an der Universität München, hat das Hörvermögen in Verdacht. "Einige Tiere haben sicherlich Infraschall wahrgenommen." So hören Elefanten tiefe Töne in Bereichen bis zu 10 Hertz. Einige Vogelarten nehmen sogar noch niedrigere Frequenzen wahr. Tauben hören nachweislich Töne bis zu einem halben Hertz. Rast ein Tsunami über den Ozean, erzeugt er keine Geräusche, da er in einem homogenen Medium wie dem offenen Meer wenig Energie verliert. Erreicht die erste Welle jedoch flachere Gewässer in Küstennähe, wird sie stark abgebremst. Wassermassen drängen nach, und die Welle baut sich auf. Dabei entsteht eine Schallwelle im Infraschallbereich. Durch die Luft übertragen, eilt sie dem Wasser voraus und kann Tiere warnen.

Da sich der Schall in der Luft mit einer Geschwindigkeit von einem Kilometer pro drei Sekunden ausbreitet, entspräche etwa eine Zehn-Kilometer-Distanz vor der Küste einer Vorwarnzeit von nicht mehr als einer halben Minute. Den herannahenden Tsunami hätten Vögel damit möglicherweise vorher gehört und wären deshalb aufgeflogen. Zweifelhaft erscheint dabei, ob eine derart kurze Vorwarnzeit Tieren an Land zur Flucht ausgereicht hätte. Leo van Hemmen, Professor für Theoretische Biophysik von der TU München, verweist auf einen anderen Mechanismus: die Ausbreitung des Schalls über den Boden. Sie geschieht nämlich schneller als in der Luft.

Elefanten könnten diese leichten Erschütterungen und die Richtung, aus der sie kamen, über Drucksensoren an den Fußsohlen wahrgenommen haben und rechtzeitig in die der Schallwelle entgegengesetzte Richtung geflohen sein. Auch vibrationsempfindliche Tiere wie Schlangen und Frösche könnten vorzeitig gewarnt worden sein. Allerdings lägen zwischen wahrgenommenem Infraschallgeräusch bis zum Eintreffen der Flut Minuten - nicht aber Stunden, wie mitunter behauptet worden ist.

Anders vor einem terrestrischen Beben. In der Nähe eines potenziellen Epizentrums könnten Tiere die Gefahr womöglich aus der elektrostatischen Aufladung der Luft wahrnehmen, vermutet Helmut Tributsch, Professor für Physikalische Chemie an der FU Berlin. So gingen Änderungen im Verhalten der Tiere vor einem Erdbeben meist mit atmosphärischen Anomalien einher.

Ein bis zwei Tage, mitunter sogar Wochen vor dem Beben, erwärmt sich die Erdoberfläche um zwei bis vier Grad Celsius. Dabei werden warme Gase aus dem Boden herausgepresst und setzen positiv geladene Schwebstoffe, so genannte Aerosole, in hoher Konzentration frei. "Diese Teilchen sorgen für eine Ausschüttung von Serotonin, einem wichtigen Botenstoff im Gehirn. Auf diese Weise nehmen Tiere die Veränderungen offenbar wahr, wie ein wetterfühliger Mensch den Föhn in den Alpen", vermutet der Forscher.

Vor einem Seebeben dagegen laufen im Wasser über dem Epizentrum elektrochemische Prozesse ab. Dort bilden sich elektrische Ströme, die von Fischen und Meeressäugern registriert werden können. Durch das Seebeben direkt ausgelöste Bodenwellen allerdings hätten die Tiere auf Sri Lanka vermutlich nicht gespürt, sagt Tsunami-Experte van Hemmen. "Das Epizentrum des Bebens war zu weit von der Küste entfernt. Auf eine Distanz von 1500 Kilometer ist die Druckwelle so schwach, dass sie kaum ein Tier mehr wahrnehmen kann."

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