Was guckst du?

Der Rotaugenfrosch: Ein Popstar des Regenwaldes mit ausschweifendem Nachtleben, gern fotografiert, aber wenig erforscht. Dem scheuen Hüpfer lauerten nun GEO-Redakteurin Ines Possemeyer und Fotograf Christian Ziegler auf
In diesem Artikel
Ein bunter Müßiggänger
Sprung ins Glück
Die Weibchen sind zahlenmäßig unterlegen
Der Kampf um das Weibchen
Forschungsobjekt Froschlaich

Ein bunter Müßiggänger

Leuchtend rote Glupschaugen. Orangefarbene Füße. Blau-weiß gestreifte Flanken. Wenn sich die Signalfarben des Rotaugenlaubfrosches tatsächlich zur Abschreckung entwickelt haben sollten, haben sie ihre Wirkung zumindest beim Menschen verfehlt: Als der erste Forscher ihn im Jahre 1862 entdeckte, taufte er ihn Agalychnis callidryas, "Leuchtend schöne Baumnymphe". Später wurde das tropische Tier für Terrarianer zum gefragten Mitbewohner, für Fotografen zu einem Lieblingsmotiv. Vermutlich gibt es keinen zweiten Frosch, dessen Konterfei derart viele Buchtitel, Kaffeetassen und Duschvorhänge schmückt.

Ein bunter Müßiggänger

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Tagsüber verbirgt sich der Rotaugenlaubfrosch im Blätterdach des Regenwaldes

Der tropische Laubfrosch verbringt die Tage am liebsten in seinem Loft im Dach der Regenwälder zwischen Süd-Mexiko und Kolumbien. Ihn dort oben zu beobachten ist außerordentlich schwierig. Und vermutlich wären Schaulustige ohnehin enttäuscht: Der Star schläft die meiste Zeit, und das auch noch allein. Sein buntes Outfit verbirgt er unter geschlossenen Lidern, angezogenen Armen und Beinen. In schlichtem Grün haftet er unter Blättern, nahezu unsichtbar für unerwünschte Besucher. Gelegentlich kommt es allerdings vor, dass sich Schlangen und Affen zum Lunch einladen. Sie schätzen seine Froschschenkel.

Ausschweifendes Nachtleben

Viel interessanter ist sein ausschweifendes Nachtleben. Sobald der Abend naht, macht er sich auf den Weg zu seinem Balzplatz an einem stehenden Gewässer. Wie er dort hingelangt, konnte er über Jahrzehnte weitgehend geheim halten - typisch Jetsetter. Nur aus dem Jahre 1964 ist der Bericht eines Augenzeugen überliefert: Der Rotaugenfrosch sei ein "Fallschirmspringer". Einer, der mit weit gespreizten Beinen und gespannten Schwimmhäuten die Bäume hinabsegele. Was lag näher, als diesen spektakulären Auftritt eines Tages nachzustellen? In den 1990er Jahren war es so weit - in einer neuen Ära, in der Rotaugenfrosch-Forscher nur noch selten als geduldige Naturbeobachter arbeiten, sondern vielmehr als Regisseure selbst konzipierter Experimente.

Ein gescheiterter Versuch Eine Angelschnur, eine Plastiktüte mit Reißverschluss - fertig war der Froschaufzug. Damit wurde ein Männchen auf eine Balkonbrüstung im zweiten Stock einer Forschungsstation in Costa Rica verfrachtet. Vor seinen großen roten Augen klafften fünf Meter Abgrund. Unten wartete Fachpublikum mit Messband und Stoppuhr, um Flugwinkel und Fallgeschwindigkeit zu ermitteln. Zwei Kameras liefen, um das historische Ereignis festzuhalten. Der Frosch bekam einen aufmunternden Klaps ... und verpatzte seinen Einsatz. Spazierte in der ihm eigenen Langsamkeit in verschiedene Richtungen. Inspizierte mit sanftem, neugierigem Blick den Beton. Und verweigerte stoisch die Rückkehr an die Absprungstelle. Die Regie schickte einen Ersatzkandidaten auf die Bühne. Das Publikum wurde nervös.

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Wenn ein Feind naht, können die Larven des Rotaugenfrosches blitzschnell ihren Schlupftermin vorverlegen. Dann beißt die Schlange in reinen Gallert

Sprung ins Glück

"Nachdem wir über mehrere Minuten gerungen hatten, gaben wir auf", dokumentierte die Regisseurin Christa Lundberg. Erfolgreich war schließlich der Einsatz eines Stuntman: Agalychnis saltator - "Kleiner Rotaugenfrosch" -, ein enger Verwandter von A. callidryas. Mehrfach stürzte er sich den Balkon hinunter, "in Adlerpose", so Lundberg. Wenn ihm gerade keine Forscher im Nacken sitzen, nutzt er das Sprung-Manöver vermutlich, um schnellstmöglich bei einem Weibchen zu landen.

Chor der Frösche

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Allnächtlich teilen sich Hunderte Froschmännchen ein Balzrevier am Tümpel

Die Agalychnis-Vettern sind nicht die Einzigen, die abends auf die Piste ziehen. Im Wald geht es stellenweise lauter zu, als in einer Diskothek erlaubt ist: 120 Dezibel ergab eine Messung in Panama. Dabei klingt es, als hätte jemand Dutzende Platten gleichzeitig aufgelegt: die hohen Flötentöne des Großtinamu, das "Buhbuh" einer Eule, das "Bapabapa" von Papageien, das "Trrr" von Langfühlerschrecken, das "Huhu" von Südamerikanischen Ochsenfröschen. Unter den Tönen von einem Dutzend weiterer Froscharten ist auch ein "Tschak" oder "Tschak-tschak" zu vernehmen: der Ruf des männlichen Rotaugenfrosches.

Fulminantes "Tschak!"-Staccato

Er mag wie ein Popstar aussehen - aber er hört sich nicht so an. Er ruft relativ leise und nicht häufiger als achtmal in der Minute. Sein Repertoire ist bescheiden: Mit einem weich klickenden "Tschakl" warnt er Geschlechtsgenossen, ihm nicht in die Quere zu kommen; mit einem schnarrenden "Tschak" signalisiert er den Weibchen schlicht: Hier bin ich! Noch dazu auf einer Frequenz, auf der ihm andere Ton-Angeber regelmäßig dazwischenfunken. Trotzdem weiß sich der schöne Froschmann bei der Damenwelt Gehör zu verschaffen. Bei Tagesanbruch verabschiedet er sich nämlich mit einem fulminanten Tschak-Staccato. Dann, wenn alle anderen Froscharten längst schweigen und das Frühkonzert der Vögel auf einer anderen Frequenz anhebt. Dann, wenn gewöhnlich auch die Paparazzi schlafen.

Wie finden Froschpaare zusammen?

Aber Stars und ihre Allüren üben bekanntlich eine ganz besondere Anziehungskraft aus. So kam auch ein junger Doktorand nach Gamboa, um über die sexuellen Vorlieben des Rotaugenfrosches zu promovieren. Er wollte recherchieren, wie ein Paar zusammenfindet. Doch wann immer er am nahen Tümpel ein Weibchen entdeckte, war es für die Frage schon zu spät: Es trug bereits einen Froschmann auf dem Rücken. "Amplexus" wird diese Paarungsposition genannt, die mit "Huckepack" anschaulicher beschrieben wäre - zumal die Weibchen mit bis zu sieben Zentimetern ein Drittel größer sind als die Männchen. Der Doktorand wechselte Frosch und Thema.

Die Weibchen sind zahlenmäßig unterlegen

Dass die Weibchen nicht lange allein bleiben, ist kein Wunder: Wie eine Volkszählung in Gamboa ergab, sind sie mit nur 15 Prozent Populationsanteil klar unterrepräsentiert. Und während sie vermutlich nur zweimal pro Regenzeit auf Partnerfang gehen, lungern die Männchen jede Nacht am Wasser herum. Dort führen sich die Junggesellen aus dem Jetset genauso enthemmt auf wie jene aus dem gemeinen Froschvolk anderer Arten. Einige umklammern in blinder Leidenschaft Äste und Steine, leere Dosen und alte Stiefel. Andere verirren sich auf den Rücken von Geschlechtsgenossen, wie einst ein Paparazzo aufmerksam notierte.

Vorsichtige Annäherung

Wenn die Zeit reif ist und sich eine Froschdame zum Tümpel herablässt, ist sie diejenige, die sich einen Typen aussucht. Sie lauscht auf die Rufe, nähert sich auf wenige Zentimeter einem Kandidaten, dann kommt er ihr entgegen. Vorausgesetzt, er ist nicht so begriffsstutzig wie jenes Exemplar, das der amerikanische Biologe William Pyburn einst in Mexiko beobachtete. Die Braut stand schon direkt vor ihrem Freier, und er rief immer noch. Da setzte sie ihm einen orangefarbenen Fuß auf den grünen Rücken, doch er quakte unbeirrt weiter. Und auch als sie daraufhin über ihn hinwegkletterte, reagierte er nicht. Erst als sie sich nochmals zu ihm umdrehte, ergriff er die letzte Chance und umklammerte sie.

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Eine Schlanknatter lauert zwischen den Blättern. Nur durch einen Sprung könnte sich der Frosch noch retten

Bad vor der Eiablage

Der nächste Schritt verlief wieder nach Protokoll: Wie alle anderen Pärchen stiegen die beiden vor der Eiablage für einige Minuten in den Tümpel. "Wozu dieses gemeinsame Bad?", wunderte sich William Pyburn und beschloss, seine passiven Observationen nun zu beenden und einzugreifen.

Wie die Nachkommen geschützt werden

Es war Montag, der 8. August 1966, und bereits dunkel, als Pyburn in Mexiko zwei Froschpärchen entführte, die gerade einen Tümpel verließen. Mit der Sorgfalt eines Biologen drückte er den Weibchen die Blase aus. Eines der Paare setzte er anschließend in ein Glas mit rot gefärbtem Wasser, das andere musste im Trockenen hocken. Beim gebadeteten Weibchen schwoll später eine zartrote Gallerthülle rund um die hellgrünen Eidotter. Der Laich des anderen dagegen verkrustete innerhalb weniger Stunden, und Pyburn erkannte: Das Bad dient dem Schutz der Nachkommen.Bis zu fünfmal muss das Weibchen in einer Nacht seine Blase betanken. Zwischendurch erklimmt es Bäume und Sträucher, balanciert auf Ästen, die über das Wasser reichen. Und während es dort 30 bis 50 Eier an die Ober- oder Unterseite eines Blattes heftet, werden diese von dem mitgeschleppten Männchen befruchtet.

Der Kampf um das Weibchen

Die Teichwanderungen sind für das Männchen weniger komfortabel, als es scheint - es lauern Wegelagerer, die ihm seine Position streitig machen. Zunächst mit Drohgebärden: einigen aggressiven "Tschaks", begleitet von heftigen Körpervibrationen. Dann wird der Herausforderer handgreiflich, schubst, tritt und versucht seinerseits, Halt auf dem Weibchen zu finden.

Wer ist der Vater?

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Eine durchwirkte Membran verschleiert das leuchtende Rot der Pupille, lässt aber genug Durchblick

Die Froschfrau schweigt zu allem. Anfangs versucht sie noch, potenziellen Angreifern auszuweichen, dann aber bleibt sie von dem Gezerre völlig unbeeindruckt - manchmal beginnt sie einfach mit der Eiablage. Sofort unterbrechen die Männchen ihr Gefecht und halten auf dem Rücken inne: Angreifer und Verteidiger Seite an Seite oder aber hintereinander aufgereiht. Und so sehr William Pyburn sich anstrengte: Welches der Männchen nun die Eier befruchtete, konnte er nicht herausfinden. Diesmal fehlten ihm die Möglichkeiten, sich Gewissheit zu verschaffen.

Ein Gentest soll Klarheit bringen

28 Jahre später: Bei Prominenten kommen gerade Vaterschaftstests in Mode. Da wittert auch der Doktorand Christian d'Orgeix eine gute Frosch-Story und steigt in den Teich von Gamboa. Manche Nacht offenbart nichts Ungewöhnliches: nur in Amplexus promenierende Pärchen. Als in einer Nacht besonders viele Frösche unterwegs sind, hat d'Orgeix Glück. Jedes dritte Weibchen trägt zwei Begleiter. Zwei Dreier und ihre Gelege nimmt der Forscher mit.

Ein paar Zehen für die Wissenschaft

Wie aber nimmt man bei Fröschen einen genetischen Fingerabdruck? Indem man den Erwachsenen ein paar Zehen abschneidet und ihrem Nachwuchs die Schwanzspitze kappt, wenn er zur Kaulquappe gereift ist. Eine Verstümmelung, die im Wissenschaftsbetrieb alltäglich ist. Meist dient sie als erkennungsdienstliche Behandlung, um bestimmte Frösche nicht aus den Augen zu verlie-ren. D'Orgeix aber kam es auf das Abgeschnittene an. Er nahm sie mit nach Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia. Welches Geheimnis würde die DNS-Analyse an den Tag bringen?

"Multiple Vaterschaft bei Agalychnis callidryas"

Im Mai 1996 machte d'Orgeix das Resultat mit einer 157-seitigen Dissertation publik: "Multiple Vaterschaft bei Agalychnis callidryas". Tatsächlich: Jedes Männchen hatte einen Teil der Eier befruchtet. Die "ménage à trois" gibt also auch jenen eine Chance auf Nachwuchs, die bei der Damenwahl durchfallen. Doch der Strategie der Trittbrettfahrer hat das Weibchen insgeheim Grenzen gesetzt. Wenn sich zwei Männchen oder gar noch mehr an seinen Rücken klammern, legt es kurzerhand weniger Eier.

Forschungsobjekt Froschlaich

Noch hartnäckiger als d'Orgeix beschäftigt sich die kanadische Biologin Karen Warkentin mit dem Laich von Rotaugenfröschen. 14 Jahre ihres Lebens hat sie ihm bereits gewidmet. Ihm verdankt sie ihren Professorentitel, zwei Assistenten, ein Labor in Boston und ein weiteres in Gamboa. Leser könnten nun den Eindruck gewinnen, dass Eier im Vergleich zu den erwachsenen Fröschen ein wirklich dankbares Forschungsobjekt sind. Kleben sie doch sieben Tage lang bis zur Larvenreife ungeschützt und wehrlos im Ufergebüsch: ein gefundenes Fressen für Schlangen, Wespen und für Wissenschaftler - wenn auch ein eher langweiliges. Irrtum! Die Eier sind nämlich gar nicht passiv.

Wehrhafte Eier

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Während das Weibchen die Eier legt, spendet er seinen Samen dazu

"Bei Angriff Schlupf", meldete GEO im Juli 1995 unter Bezug auf die sensationelle Entdeckung von Karen Warkentin: Wenn Gefahr im Verzug ist, sprengen die Froschembryonen blitzschnell ihre Gallerthüllen und hechten in den rettenden Teich. Bereits zwei Tage vor ihrem planmäßigen Schlupftermin sind sie allzeit fluchtbereit. Niemand hätte ihnen das zugetraut. Inzwischen aber sind die Eier zu den eigentlichen Stars der Frosch-Forschung avanciert und haben erste Nachforschungen bei anderen Arten inspiriert. Auch viele andere Amphibien, Eidechsen, einige Spinnen und Fische legen, wie man mittlerweile weiß, wehrhafte Eier.

Die Eier können Feinde erkennenJe nach Ernst der Lage reagiert das Froschgelege unterschiedlich: Raubt eine Wespe eine der reifenden Kaulquappen, flüchten nur die unmittelbaren Nachbarn; breitet sich ein tödlicher Pilz langsam auf den Eiern aus, schlüpft eine Larve erst, kurz bevor er sie selbst erreicht; nur wenn eine Schlange in das Gelege beißt oder die Gallertkugeln im Wasser versinken, kommt es zum Massenexodus. Regen, Stürme oder Erdbeben dagegen lassen die Eier genauso ungerührt über sich ergehen wie den Transport ihres Blattes vom Gebüsch in Karen Warkentins Labor.

Wann beginnt die Partnersuche?

Nach zehn Wochen lassen sich die Jungfrösche kurz in der Öffentlichkeit blicken: beim Umzug von ihrer Kinderstube in den Loft. Wann die Singles erstmals auf Partnersuche gehen, haben die Promi-Jäger freilich schon untersucht: Nach einem Jahr, schreiben die einen; nach zwei Jahren, die anderen. Als ahnte Agalychnis callidryas, dass solche Termine heiß gehandelt werden, hat er offenbar unterschiedliche Fährten gelegt.

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