Biologie: Hirsche, die jodeln, röhren nicht

Gen-Untersuchungen bestätigen eine lang gehegte Vermutung: Der östliche und der westliche Rothirsch bilden zwei verschiedene Arten

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) gilt als Erfinder der biologischen Systematik. Diese Disziplin beschäftigt sich mit Verwandtschaftsverhältnissen im Tier- und Pflanzenreich. Zu den Tierarten, die Linné selbst eingeordnet und beschrieben hat, gehört auch der Rothirsch, den er 1758 auf den Namen Cervus elaphus taufte, wobei Cervus die Gattung und elaphus die Art bezeichnet.

Dieses bis heute angewandte Ordnungssystem beruht vor allem auf Übereinstimmungen (Homologien) im äußeren Erscheinungsbild (Phänotyp) des Tieres. Mit Linnés Methode wurden von nachfolgenden Naturforschern viele regionale Hirschpopulationen als Rothirsch-Unterarten eingeordnet, darunter der Krimhirsch, der nordamerikanische Wapiti, der zentralasiatische Shou oder Sikkimhirsch und der Maral aus Kleinasien.

Wirklich zufrieden mit dieser Klassifikation waren Biologen allerdings nicht. Die Ordnung ist relativ willkürlich und umfasst je nach Deutung zwischen 15 und 23 verschiedene Rothirsch-Unterarten. Eine überzeugende Einordnung ist nun mithilfe der modernen Genetik gelunden.

Ralph Kühn und Christian Ludt vom Fachgebiet Wildbiologie und Wildtiermanagement der Technischen Universität München konnten bei ihren Untersuchungen auf die umfangreiche Geweihsammlung zurückgreifen, die der bayerische Wildbrethändler Christian Oswald auf seinen Reisen zusammengetragen hat. Der passionierte Jäger hat neben selbst geschossenen Trophäen Hunderte von Abwurfstangen aus vielen Teilen der Welt in seinem Cerviden-Museum bei München geordnet.

Ausgangsmaterial für die genetischen Untersuchungen waren Knochenspäne aus den Abwurfstangen von 415 Hirschen aus 37 Populationen. Daneben wurden, als so genannte "Outgroups", auch Proben von Moschustier, Muntjak, Sika-, Sambar- und Weißlippenhirsch in die Analyse einbezogen. Sie sind die engsten Verwandten der Rothirsche und dienten als Vergleichsgruppe für die Abgrenzung zwischen Arten und Unterarten. Die Hirsch-DNS wurde aus den Mitochondrien von Knochenzellen der Geweihspäne entnommen. Dort ist das Gen für das Protein Cytochrom B meist in einem guten Zustand erhalten, der es erlaubt, auch nach Jahrzehnten noch die Basenabfolge in der DNS sichtbar zu machen. Dies geschieht durch Vervielfältigung der Sequenz mithilfe des als Polymerase-Kettenreaktion oder PCR bekannten Verfahrens.

Die Untersuchung erbrachte ein bemerkenswertes Ergebnis: Es gibt zwei Rothirscharten und nicht, wie bisher von vielen angenommen, nur eine einzige. Cervus elaphus hat einen Vetter bekommen: Cervus canadensis, den östlichen Rothirsch. Biogeografisch ist der Atlantik die Grenze zwischen Eurasien und Amerika, weshalb Europa den westlichen Rothirsch beherbergt.

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