Unbekannte Arten: Es gibt sie!

In den Tiefen der Meere oder im undurchdringlichen Dickicht der Regenwälder leben auch heute noch unbekannte oder ausgestorben geglaubte Tierarten. Auch in jüngster Zeit gelangen Zoologen wieder spektakuläre Entdeckungen: Eine neue Fuchs-Art, der Elfenbeinschnabel-Specht und die Felsratte
In diesem Artikel
Neue Fuchsart auf Borneo entdeckt
Der Elfenbeinschnabel-Specht ist nicht ausgestorben!
Sensation am Grill-Spieß

Neue Fuchsart auf Borneo entdeckt

Eine Faustregel der Kryptozoologen besagt, dass die Wahrscheinlichkeit, eine unbekannte Tierart zu entdecken, mit der Größe der Individuen abnimmt. Zu gut sind heute die größten Teile der Erdoberfläche und der Meere erforscht und vermessen. Seriöse Kryptozoologen verweisen darum auch das legendäre Monster vom Loch Ness, angeblich ein massiger Plesiosaurier, in das Reich der Fabel. Und doch gehen Biologen auch heute noch vereinzelt sensationelle Funde ins Netz - die meisten davon an so genannten evolutionären "Hot spots": Regionen, in denen besonders viele Arten leben und neue entstehen. Einer dieser Hot spots ist die drittgrößte Insel der Welt, Borneo.

Eine Brutstätte neuer Arten

Als Charles Darwin, der "Vater der Evolution", die Insel besuchte, erlebte er sie als "großes, wildes, üppiges Treibhaus der Natur". Vermutlich gibt es auch heute nirgendwo auf der Erde eine größere Artenvielfalt als im tropischen Regenwald von Borneo. Der Worlwide Fund for Nature (WWF) veröffentlichte vor kurzem eine Studie, nach der hier in den letzten zehn Jahren 360 neue Tier- und Pflanzen-Arten entdeckt wurden, darunter 260 Insekten, 30 Süßwasserfische, sieben Frösche, sechs Eidechsen, fünf Krabben, zwei Schlangen und eine Kröte. Doch als wären die Ergebnisse dieser Studie nicht spektakulär genug, ging Zoologen im Dickicht des Regenwaldes kürzlich auch noch eine bisher unbekannte Säugetier-Art ins Netz.

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Die auf Borneo neu entdeckte Wassertrugnatter (Enhydris sp.)

Neue Fuchs-Art entdeckt?

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Zuwachs in der Frosch-Familie: Blasennestfrosch (Philautus erythrophthalmus)

Mit einer automatischen Infrarot-Kamera gelang es Artensuchern, Aufnahmen eines scheuen, nachtaktiven Raubsäugers zu machen. Das meldete der Londoner "Independent" Anfang dieses Monats. Die Bilder zeigen ein fuchsgroßes Tier mit rostrotem, fleckenlosem Fell und dem gattungstypischen buschigen Schwanz. Zu Rate gezogene Wissenschaftler und Jäger stellten übereinstimmend Unterschiede zu den bislang bekannten Fuchs-Spezies fest, so zum Beispiel auffallend lange Hinterläufe. Die Entdeckung muss nun noch - eventuell durch eine Expedition - bestätigt und wissenschaftlich beschrieben werden. Denn erst dann ist die Sensation perfekt.

Der Elfenbeinschnabel-Specht ist nicht ausgestorben!

Doch auch in zivilisierteren und leichter zugänglichen Regionen der Erde werden Zoologen noch fündig: In einem Nationalpark in Arkasas, USA, trauten Ornithologen ihren Augen nicht, als sie ein Exemplar des Elfenbeinschnabel-Spechts (Campephilus principalis) beobachteten - einer Vogelart, die seit 60 Jahren als ausgestorben galt.

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In den Sumpfwäldern entlang des Mississippi konnte sich der Specht jahrzehntelang dem Zugriff der Wissenschaft entziehen

Groß angelegte Suche

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Diese Aufnahme eines Elfenbeinschnabel-Spechts datiert aus dem Jahr 1935

Ein Kajak-Fahrer wollte im Februar 2004 im "Cache River National Wildlife Refuge" einen riesigen spechtartigen Vogel gesichtet haben. Eine Beobachtung, die eine monatelange Großfahndung unter strengster Geheimhaltung und unter Beteiligung von mehr als 50 Experten auslöste. Kein leichtes Unterfangen, denn die "Big Woods" im Osten des Bundesstaates erstrecken sich über eine Fläche knapp halb so groß wie Schleswig-Holstein - ein schwer zugängliches Waldgebiet, das zudem noch teilweise von den Fluten des Mississippi überschwemmt ist.

Der lang ersehnte Beweis

Schließlich sichtete ein Team von der Cornell University und der Naturschutzbehörde den mächtigen Vogel mehrfach, aber nur kurz. Immerhin gelang dem Suchtrupp ein Video, in dem der scheue Waldbewohner einen Zwei-Sekunden-Auftritt hat. Den davonfliegenden Vogel halten die Experten nach einer eingehenden Analyse für den gesuchten Elfenbeinschnabel-Specht. Auch Tonaufnahmen von dem charakteristischen Klopfen des Spechts erhärten die Vermutung, dass in der Gegend mindestens eines der Tiere unbemerkt überlebt hat.

Der Sichtungsort wird unter besonderen Schutz gestellt In der Zwischenzeit kauften die Experten und Naturschützer das Waldgebiet rund um den Sichtungsort auf und ließen es unter besonderen Schutz stellen. Zu den bislang gesicherten 73 Quadratkilometern sollen in den kommenden zehn Jahren noch einmal mehr als 800 Quadratkilometer hinzukommen. Der Elfenbeinschnabel-Specht verschwand nach intensiven Rodungsarbeiten, die von 1880 bis zur Mitte der 1940er Jahre andauerten, sagt John Fitzpatrick vom Cornell Laboratory of Ornithology.

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Gene Sparling, der Kanu-Fahrer, der den Specht im Februar 2004 wiederentdeckte, untersucht einen Specht-Bau. Auf der Zeichnung sind links typische Höhleneingänge des Helmspechts (Dryocopus pileatus) zu sehen, rechts die des Elfenbeinschnabel-Spechts

Sensation am Grill-Spieß

Viele unbekannte Tierarten geraten auf ganz unkonventionelle Weise in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. In Laos fiel dem Wildtierforscher Robert J. Timmins von der Wildlife Conservation Society (WCS) schon 1996 ein seltsames Mischwesen aus Ratte und Eichhörnchen auf. Allerdings nicht in freier Wildbahn, sondern auf einem Lebensmittelmarkt in Laos - als Snak in der Auslage. Das Tier, das Timmins "Felsratte" taufte und das jetzt für eine wissenschaftliche Sensation sorgt, ist den Einheimischen als Jagd- und Grillgut schon lange als bekannt.

Mit wem ist die Felsratte verwandt?

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Phantombild einer Spezies: Laonastes aenigmamus 

Der 40 Zentimeter lange Nager, den die Einheimischen "Kha-nyou" nennen, kam dem Forscher selbst in geröstetem Zustand überraschend wenig vertraut vor. Er hat einen rattenähnlichen Kopf, kurze Beine mit etwas plumpen Pfoten, lange Tasthaare und einen buschigen Schwanz, der an Eichhörnchen erinnert. Timmins gelang es zwar mit Hilfe einheimischer Jäger ein Exemplar zu erlegen. Doch über die Lebensweise des Tieres, das jetzt den wissenschaftlichen Namen Laonastes aenigmamus trägt, ist so gut wie nichts bekannt. Genetische Analysen lassen darauf schließen, dass die Art trotz ihres Aussehens weder mit der Ratte noch mit dem Eichhörnchen verwandt ist. Sie steht den Meerschweinchen und Chinchillas näher; ihre nächsten Verwandten leben heute noch in Afrika.

Handelt es sich um eine neue Tier-Familie?

Die Untersuchung im Labor bestärkte Timmins in dem Verdacht, es mit einer völlig neuen Nagetier-Familie zu tun zu haben. So sehr unterscheidet sich die Felsratte von allen gegenwärtig bekannten Nagetieren. Morphologische Unterschiede des Schädels und der Knochenstruktur sowie eine DNA-Analyse lassen darauf schließen, dass sich die Felsratte vor mehreren Millionen Jahren in seiner Entwicklung von der anderer Nagetiere abgespalten hat. Timmins hält es für möglich, dass es sich dabei um die letzte Familie von Säugetieren handelt, die es überhaupt noch zu entdecken gab.

Die neue Tierart ist jetzt von der wissenschaftlichen Gemeinschaft anerkannt und bestätigt. Laonastes aenigmamus wurde vor kurzem von der WCS, dem Natural History Museum in London, der University of Vermont und dem WWF Thailand in der aktuellen Ausgabe von "Systematics and Biodiversity" beschrieben.

Links zum Thema

Die Studie des WWF zu neu entdeckten Arten von Borneo (englisch, 22,3 MB!)

Pressemitteilung des WWF zur Borneo-Studie (deutsch)

Die Homepage über des Projekts "Elfenbeinschnabel-Specht" vom Cornell Lab of Ornithology und der örtlichen Naturschutzbehörde

Wikipedia-Artikel über die neu entdeckte Felsratte (engl.)
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