Verhalten: Kultur unter Wasser

Delfine lernen von ihren Müttern, Meeresschwämme als Werkzeug zu gebrauchen - ein weiteres Indiz für Kulturleistungen im Tierreich

Schon vor sieben Jahren hat GEO von den Großen Tümmlern (Tursiops truncatus) berichtet, die sich in der westaustralischen Shark Bay einen Meeresschwamm über die Schnauze stülpen und vor sich hertreiben (GEOskop 4/1998). Dieses Verhalten hatte die Biologin Rachel Smolker immer wieder beobachten können. Ihre Erklärung dafür: Die Delfine nutzen den Schwamm (Echinodictym mesenterinium) als Werkzeug, um sich vor Verletzungen durch scharfe Muschelschalen und Steine zu schützen, wenn sie im Sand und Geröll des Meeresbodens nach versteckten Fischen stöbern.

Einige Fragen aber waren noch offen: Würden die Meeressäuger diese Fertigkeit, über die keineswegs alle Delfine der Shark Bay verfügen, einander mitteilen und an ihre Nachkommen weitergeben?

Hintergrund dieser Überlegungen waren die revolutionären Erkenntnisse der Affenforscherin Jane Goodall aus den 1970er Jahren. Tansanische Schimpansen, so ihre Beobachtung, angelten mithilfe von Zweigen Termiten aus ihren Bauten oder verwendeten Steine als Hammer und Amboss zum Nüsseknacken. Und sie waren nicht nur dazu imstande, Werkzeuge zu gebrauchen, sondern auch, das Erlernte an andere zu vermitteln. Damit war das Monopol des Menschen auf die Weitergabe von Fertigkeiten infrage gestellt. Nun konnte endlich der wissenschaftliche Nachweis für eine den Affen ebenbürtige Leistung bei den Meeressäugern erbracht werden, welche die wissenschaftliche Definition des Kulturbegriffes erfüllt.

Den "Unterricht" in den Weiten des Meeres direkt zu beobachten, war jedoch nicht möglich. Doch dem deutschen Evolutionsbiologen Michael Krützen am Anthropologischen Institut der Universität Zürich gelang ein indirekter Beweis. Er untersuchte Gewebematerial von insgesamt 185 Delfinen aus der Shark Bay, darunter das von 13 Schwammträgern, auf genetische Verwandtschaft. Erstaunliches Resultat: Es sind nahezu ausschließlich Delfinweibchen, die auf dieselbe Ahnin zurückgehen, welche die Schwammtechnik verwenden. Ein "Schwamm-Gen" schlossen die Forscher jedoch aus. Nicht alle weiblichen Nachkommen machen von der Werkzeugbegabung ihrer Mütter Gebrauch. Dafür gibt es zumindest einen männlichen Delfin in der Familie, der die Technik ebenfalls beherrscht.

Somit handelt es sich höchstwahrscheinlich um tradiertes Verhalten, das durch Imitation vom Nachwuchs erlernt wird, sagt Krützen. Warum männliche Delfine die Technik seltener erlernen, dazu haben die Forscher bisher nur eine dürftige Erklärung: Ähnlich den Schimpansen, bei denen der weibliche Nachwuchs eben-falls fleißiger den Werkzeuggebrauch übe, seien die männlichen Tümmler vermutlich zu sehr mit Balz und Paarung beschäftigt, um ihre Kräfte auf das Erlernen der zeitaufwendigen Technik des "Schwammtauchens" zu verwenden.

Alle GEOskope aus dem Magazin Nr. 8/05

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