Genetik: Keine Lust auf Süßes

Die "Naschkatze" existiert nur in unserer Fantasie. Das haben Gen-Analysen jetzt bewiesen

Sie sind, wie Hunde, eingeschworene Fleischfresser und ziemlich wählerisch, was ihr Futter angeht. Doch im Gegensatz zu den bellenden Hausgenossen, die auch gerne nach einer Süßigkeit schnappen, finden Katzen kaum Gefallen an zuckrigen Extras. Bereits in den 1970er Jahren dokumentierten Forscher, dass Hauskatzen weniger an Bonbons interessiert sind als andere Säugetiere. Nur: Erklären konnten sie dieses Phänomen nicht. Nun haben Joseph Brand und sein Team vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia das Rätsel gelöst: Den Haustigern fehlen die Geschmacksrezeptoren für Zucker. Zuckerrezeptoren enthalten zwei miteinander verbundene Proteine, T1R2 und T1R3, die Produkte separater Gene sind. Sobald Zucker auf diese Rezeptoren trifft, werden Signalkaskaden ausgelöst, die schließlich im Gehirn mit der Meldung "süß!" enden.

Um herauszufinden, ob die an der Wahrnehmung von Süßem beteiligten Gene intakt sind, analysierten die Forscher die entsprechenden DNS-Sequenzen von Katzen. Dabei stellten sie fest, dass das Gen, welches für die Produktion von T1R3 verantwortlich ist, demjenigen anderer Säugetiere entspricht. Dem zweiten Gen hingegen, das den Bau-plan für T1R2 liefert, fehlen 247 Basenpaare. Das für das Zuckerschmecken erforderliche Protein kann also gar nicht gebildet werden. "Gene, die für das Überleben einer Spezies nicht wichtig sind, werden mit der Zeit unbrauchbar", erklärt Joseph Brand. Beim Menschen etwa gehörten dazu viele für den Geruchs-sinn zuständige Gene. Unklar bleibt indes, was zuerst da war: die Vorliebe der Katzen für Fleisch - oder der Verlust des T1R2-Proteins?

Die gleiche Gen-Abweichung wie bei Hauskatzen fanden die Forscher auch bei Tigern und Geparden. Was dafür spricht, dass die gesamte Familie der Felidae, der Katzenartigen, nicht "süß" schmeckt. Nun will Brand untersuchen, ob dies auch auf entferntere Verwandte wie die Hyänen zutrifft. Dass manche Katzen gleichwohl Schokolade naschen, ist für den Wissenschaftler übrigens kein Widerspruch. Er erkennt darin eine Vorliebe für Fett und Kakao. Und sogar für das Verhalten von Katern, die Marshmallows fressen - welche bekanntlich aus purem Zucker bestehen -, hat Brand eine Erklärung: Entweder reizt sie der Biss in den elastischen Happen - "oder ihnen ist einfach langweilig".

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