Vogelgrippe: Wilde Panik?

Die Furcht vor einer seuchenartigen Ausbreitung der Vogelgrippe grassiert weltweit. Vor allem tot aufgefundene Wildvögel sorgen als angebliche Überträger der Viren für Schlagzeilen. Doch wie häufig werden wild lebende Arten nach bisherigen Erkenntnissen eigentlich infiziert?

Es ist der bislang aufregendste Fall: Am Qinghai-Hu-See in Zentralchina waren im Mai dieses Jahres Tausende Wildvögel verendet, fast ausschließlich Streifengänse. Bei 33 der untersuchten Kadaver wurde das Virus H5N1 nachgewiesen - ein hoch pathogener Grippe-Erreger vom Typ A, besser bekannt als Vogelgrippe.

Doch entgegen ursprünglichen Befürchtungen blieben zumindest Wildvögel anschließend von einer Seuche verschont. Zwar sind auch sie vereinzelt immer wieder Opfer gefährlicher Grippe-Viren geworden (siehe Tabelle). Aber meist trugen sie Influenza-A-Viren nur in einer harmlosen, niedrig pathogenen Form in sich, wie sie in den Darm- und anderen Schleimhäuten von etwa 15 Prozent aller wild lebenden Enten und Gänse vorkommt. Und eine Seuche unter Wildvögeln ist auch aus anderen Gründen eher unwahrscheinlich, wie der Nabu-Vogelschutzexperte Markus Nipkow erklärt: "Offenbar kommt es in der freien Natur zu einer Selbstbegrenzung der Krankheit, da die Tiere sterben, bevor sie das Virus übertragen können."

Ganz im Gegensatz zu den auf engem Raum gehaltenen oder über weite Strecken transportierten Vögeln, zu denen nicht nur diverse Hausgeflügelarten, sondern zum Beispiel auch importierte Papageien gehören. Zur Gefahr werden die Erreger damit erst, wenn sie sich beispielsweise im Hausgeflügel ausbreiten, wo sie aufgrund der häufigen Kontakte unter den Tieren besonders rasch den Wirt wechseln und dabei mitunter zu extrem infektiösen Varianten wie H5N1 mutieren.

Und dann setzt sich der Teufelskreis in Gang: Denn die hoch pathogenen Erreger können wiederum über kontaminiertes Futter oder Wasser aus Geflügelhaltungen in die freie Natur gelangen, wo sie Wildvögel infizieren, die den Erreger unter Umständen weit transportieren. Kommt nur ein einziger Hausvogel mit den Exkrementen eines kranken Wildvogels in Kontakt, breitet sich die Seuche rasch in Geflügelfarmen aus, und damit wächst auch die Gefahr, dass sich das Virus eines weiteren Wildvogels bemächtigt.

Im Prinzip könnten alle wilden Vögel das Virus verbreiten, sagt Wolfgang Fiedler, Leiter der Vogelwarte Radolfzell am dortigen Max-Planck-Institut für Ornithologie. Doch weil Gewässer, in denen sich die Viren bis zu drei Wochen halten, ein zentraler "Umschlagplatz" der Krankheit sind, waren von den wilden Arten bislang vorwiegend Wasservögel.

Wie weit mit H5N1 infizierte Zugvögel noch fliegen können, um den Erreger zu streuen, ist unbekannt. Sicher dagegen: Zahlreiche Ausbrüche der Vogelpest im Pazifikraum stimmen nicht mit dem Zug der Wildvögel überein. Wie anderswo könnten sie durch Exotenschmuggel oder Geflügelhandel ausgelöst worden sein.

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