Was Würmer eklig finden

Bei ungenießbarer Nahrung reagieren Nematoden ähnlich wie höhere Lebewesen - ihr Nervensystem signalisiert "Übelkeit"

Ein Wurm der Spezies Caenorhabditis elegans besitzt ein sehr kleines Nervennetz mit lediglich 302 Neuronen. Das reicht jedoch aus, um komplexe Lernaufgaben zu bewältigen. Das haben Studien am Howard Hughes Medical Institute und der Rockefeller University in New York ergeben.

Die Wissenschaftler Cornelia Bargmann, Hang Lu und Yun Zhang haben die Fähigkeit der winzigen Nematoden untersucht, sich an Gerüche zu erinnern. Die Fadenwürmer benötigen diese Fertigkeit, um in ihrer natürlichen Umgebung, dem Erdreich, "schmackhafte" von "ungenießbaren" Bakterien zu unterscheiden.

Die Ablehnung der falschen Nahrung ist jedoch nicht angeboren, sondern wird im Laufe des Wurmlebens erworben - ähnlich wie bei Menschen, die nach einer Lebensmittelvergiftung eine Abscheu gegen bestimmte Speisen entwickeln.

Auch das Lernvermögen der Würmer hat vitale Bedeutung, denn ein Fehler kann tödlich sein: Manche Mikroorganismen wie Serratia marcescens infizieren den Darm des Wurmes, vermehren sich und führen schließlich dazu, dass der Nematode stirbt. Diejenigen Würmer jedoch, die eine solche Infektion überstanden haben, erinnern sich in der Folgezeit an den Fehler und meiden die falsche Nahrung.

Dabei wird offenbar ein uralter biochemischer Mechanismus ausgelöst, der auch bei höheren Lebewesen noch anzutreffen ist: Die Forscher entdeckten, dass bei einem erneuten Zusammentreffen mit toxischen Bakterien Teile des Nervensystems des Wurmes enorme Mengen des Neurotransmitters Serotonin ausschütten. Bei Menschen führt ein ähnlicher Prozess in den Darmnerven zu massiver Übelkeit - bei verdorbenem Essen, aber auch etwa im Zusammenhang mit den Folgeerscheinungen der Chemotherapie.Ob die Würmer auch eine vergleichbare psychische Übelkeit verspüren, ist durch Experimente wie das von Bargmann, Lu und Zhang freilich nicht zu klären.

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