Thunfische in Gefahr

Seit Ende des letzten Jahres ist die Umweltschutzorganisation Greenpeace mit dem Schiff "Esperanza" auf der 14-monatigen "SOS Weltmeer"-Tour unterwegs und kämpft für die Erhaltung der Ozeane. Das Mittelmeer ist die vierte Etappe auf der Expedition. Hier steht der Blauflossen-Thunfisch durch den Einsatz von Treibnetzen und Mastanlagen vor dem Aussterben

Es sieht besonders appetitlich aus: das rote Fleisch des Atlantischen Blauflossen-Thunfischs. Ob als Maki, Nigiri oder Sashimi: Thunfisch ist der Klassiker im jedem Sushi-Restaurant. Doch seine Beliebtheit als Speisefisch wird der weltweit größten Thunfischart immer mehr zum Verhängnis. Durch starke Überfischung im Mittelmeer und Ostatlantik sind heute nur noch geschätzte 20 Prozent des ursprünglichen Bestandes vorhanden. Der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, gibt es inzwischen eine weitere Bedrohung für den Blauflossen-Thunfisch: Seit über zehn Jahren tragen auch Mastbetriebe zu einer Ausrottung des Tieres bei. Denn für die Unterwasser-Farmen werden große Mengen junger Thunfische gefangen, um sie vor allem für den japanischen Sushi-Markt zu mästen.

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Der gefährdete Blauflossen-Thunfisch (Thunnus thynnus) im Mittelmeer

Junge Thunfische werden in Farmen gemästet

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Der vor der libyschen Küste gefangene Thunfischschwarm kreist während des Transports ständig im Netz

Offiziell fällt die Thunfisch-Mast im Mittelmeer unter den Begriff der Aquakultur. Das erweckt den Anschein, dass - ähnlich wie beispielsweise bei Forellen- oder Lachs-Farmen - die Vermehrung der Fische und die komplette Entwicklung vom frisch geschlüpften Babyfisch bis hin zum marktreifen Thunfisch in den Mastbetrieben passiert. Tatsächlich aber werden junge Thunfische gefangen und in den Farmen gemästet, obwohl sie aufgrund ihrer zu geringen Größe nach den Bestimmungen der Internationalen Kommission zum Schutz des Atlantischen Thunfischs (ICCAT) nicht angelandet und verkauft werden dürfen.

Die Fischereiflotten wenden dabei einen Trick an, mit dem sie die ICCAT-Bestimmungen umgehen: Nachdem ein Thunfisch-Schwarm mit Netzen eingekreist worden ist, werden nur die ausgewachsenen Exemplare an Bord geholt. Die zu kleinen Thunfische verbleiben in den ringförmigen Netzen im Meer. Ein Schiff schleppt die Netze mitsamt den Jungfischen dann zu einer Thunfischfarm. Dort werden die Tiere in riesigen Unterwasserkäfigen gemästet. Da der Blauflossen-Thunfisch erst im Alter von fünf bis acht Jahren seine Geschlechtsreife erreicht, haben die Mastfische keine Chance sich zu vermehren, und die natürlichen Bestände werden so nachhaltig dezimiert.

"SOS-Weltmeer"-Tour

Die einzelnen Stationen im Überblick
Die einzelnen Stationen im Überblick
Von den Azoren bis zur Antarktis läuft Greenpeace mit der "Esperanza" 12 verschiedene Stationen an. Ihr Ziel: die Schaffung eines weltweiten Netzwerks von Meeresschutzgebieten

Krankheiten breiten sich aus

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Ein Schwarm Blauflossen-Thunfische, eingefangen im Transportnetz, wird zu einer sizilianischen Thunfisch-Farm geschleppt

Doch Thunfischfarmen gefährden nicht nur den Bestand der Art selbst. Für ein Kilo Thunfischfleisch müssen etwa 20 Kilo kleinere Fische gefangen und an die Jungfische verfüttert werden. Ein Großteil dieser Futterfische sind dabei ausgezeichnete Speisefische und könnten direkt vermarktet werden. Natürlich ist auch die Massentierhaltung in den Käfigen äußerst problematisch: Krankheiten können sich schnell ausbreiten und auf wildlebende Fische überspringen. Zudem verschmutzen die Exkremente der Farm-Fische die betriebsnahen Gewässer in erheblichem Maß.

Trotz des auch finanziell hohen Aufwands sind Thunfisch-Farmen lohnende Investitionen. Auf japanischen Fischauktionen erzielen Blauflossen-Thunfische hohe Preise. Außerdem hat laut Greenpeace die Europäische Union die als Aquakulturen anerkannten Mastbetriebe seit 1997 mit etwa 27 Millionen Euro subventioniert.

Spanien begann bereits Mitte der neunziger Jahre mit der Thunfisch-Mast. Inzwischen ist die Zahl der Länder, die an den Küsten des Mittelmeers Farmen betreiben, auf offiziell elf Staaten angestiegen. Neben weiteren europäischen sind auch einige nordafrikanische Länder in das lohnende Geschäft eingestiegen.

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Ein Schlepper zieht die Transportnetze zur Thunfischfarm. Dort werden die jungen Fische bis zur Marktreife gemästet

Fangquoten werden deutlich überschritten

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Ein Taucher von Greenpeace dokumentiert mit der Videokamera den Abtansport von Blauflossen-Thunfischen im Netzkäfig

Die ICCAT schätzt die Kapazitäten aller Mastbetriebe zusammen für das Jahr 2006 auf etwa 51.000 Tonnen. Zum Vergleich: Die zulässige Gesamtfangmenge von Blauflossen-Thunfischen im Ostatlantik und Mittelmeer beträgt 32.000 Tonnen. Berücksichtigt man die große Menge an legal gefischten, ausgewachsenen Thunfischen, ist es quasi unmöglich die Kapazitäten der Farmen auszulasten, ohne die Fangquoten der ICCAT deutlich zu überschreiten. Laut einer von der ICCAT in Auftrag gegebenen Studie sind im Jahr 2005 geschätzte 45.000 Tonnen Blauflossenthun gefangen worden. Damit wurde die zulässige Gesamtfangmenge um knapp 40 Prozent überschritten.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat sich im Rahmen der diesjährigen "SOS Weltmeer"-Tour zum Ziel gesetzt, auf die miserable Situation der Thunfisch-Bestände aufmerksam zu machen. Seit Anfang Juni kreuzt das Greenpeace-Schiff "Esperanza" im Mittelmeer auf der Suche nach Fangflotten, die im Auftrag der Mastbetriebe unterwegs sind und Jagd auf die letzten Thunfisch-Schwärme unternehmen.

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Vor der Küste Zyperns dokumentierte Greenpeace auf der "SOS Weltmeer"-Tour eine Thunfischfarm

Befreiungsaktionen für Jungfische

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Riesige Mastkäfige einer zypriotischen Thunfisch-Farm

Mitte Juni hatte die "Esperanza" die Verfolgung einer spanisch-französischen Fangflotte aufgenommen. Die Netze der Fischer blieben allerdings leer und Greenpeace konnte bislang keine konkreten Maßnahmen gegen die Thunfischer durchführen. Geplant waren Befreiungsaktionen für die Jungfische, bevor sie in die Mastkäfige der Farmen gesperrt werden. Auch die Dokumentation der Mastbetriebe, beispielsweise vor der Küste Zyperns, steht auf dem Programm der 4. Station der "SOS Weltmeer"-Tour. Der Schweizer Greenpeace-Aktivist an Bord der "Esperanza" schreibt in seinem Weblog täglich über den Fortgang der Mission im Mittelmeer unter http://weblogs.greenpeace.ch/sosweltmeer

Welcher Fisch darf auf den Tisch?

Viele Fische sind mit Umweltgiften belastet. Hinzu kommt, dass fast drei Viertel der Bestände überfischt sind. Unsere Ozeane stehen kurz vor dem Kollaps. Greenpeace und der World Wide Fund For Nature (WWF) haben jeweils eine Übersicht über die aktuelle Lage der Fischbestände online gestellt. Haltung, Fangmethoden und Umweltauswirkungen wurden dabei bewertet. Welche Sorten im Geschäft gekauft werden können erfahren Sie unter:

WWF: http://www.wwf.de/naturschutz/lebensraeume/meere-kuesten/fischerei/einkaufsfuehrer-fisch/

Greenpeace: http://www.greenpeace-magazin.de/spezial/fischfuehrer/fischfuehrer.pdf

Die "SOS Weltmeer"-Tour

Die einzelnen Stationen im Überblick
Die einzelnen Stationen im Überblick
Von den Azoren bis zur Antarktis läuft Greenpeace mit der "Esperanza" 12 verschiedene Stationen an. Ihr Ziel: die Schaffung eines weltweiten Netzwerks von Meeresschutzgebieten
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