Verhalten: Wer Luxus will, muss länger tanzen

Bei Bienenvölkern trifft eine Findungskommission die Entscheidung über das beste neue Nest. Und sie wählt fast immer richtig, wie US-Forscher jetzt beobachtet haben

Es kommt der Tag im Leben eines Bienenvolkes, da übergibt die Königin die Regentschaft an ihre Tochter, nimmt die Hälfte ihres Gefolges mit und sucht sich eine neue Behausung. Die liegt bei Wildvölkern der Honigbiene (Apis mellifera) idealerweise hoch in einem hohlen Baum, hat ein Volumen von mindestens 20 Litern und ein möglichst kleines Eingangsloch.

Statt dass für die Suche aber Tausende Bienen ausschwärmen, brechen einige Hunderte Kundschafterinnen ins Umland auf, die ihre Ergebnisse nach der Rückkehr in einer Art Wettbewerb präsentieren. Nach und nach mustern die Bienen dann höchst effektiv die minderwertigen Standorte aus, um am Ende mit einer bestimmten, für einen Beschluss notwendigen Mindestanzahl von Stimmen "fast immer die beste Wahl zu treffen", wie Thomas Seeley von der US-amerikanischen Cornell University herausfand: "Ein eindrucksvolles Beispiel von Entscheidungsfindung, so kompliziert wie Regierungsverhandlungen."

Schon dem deutschen Bienenforscher Karl Lindauer war aufgefallen, dass Bienen mit dem berühmten Schwänzeltanz ihre Artgenossinnen nicht nur über gute Nektarquellen informieren, sondern ihn auch für die Stockfindung nutzen. Wenn die Bienen dieses Ballett starten, schütteln sie ihren Hinterleib und tanzen eine Figur, die wie eine 8 aussieht. Wie indes sich die Kundschafterinnen untereinander über ein neues Nest verständigen, blieb Lindauer verborgen. Jetzt sind Seeley und seine Kollegen Kirk Visscher von der University of California in Riverside und Kevin Passino von der Ohio State University der Entscheidungsfindung auf die Spur gekommen.

So markierten die Biologen nicht nur rund 4000 Bienen, um deren Ausflüge individuell verfolgen und aufzeichnen zu können. Sie importierten auch heimatlose Bienenvölker auf eine Insel ohne natürliche Behausungen und präsentierten ihnen dort künstliche Heimstätten verschiedener Güte, um zu sehen, was passiert. Die Wohnungssuche der Insekten beginnt damit, dass sich aus dem klumpenartig zusammenhängenden Schwarm einige hundert Scouts in die Umgebung aufmachen. Nach jedem Erkundungsflug kehren sie zurück, um einen Turniertanz zu absolvieren: Mit unterschiedlichen Schwänzelfiguren berichten sie den anderen jeweils anwesenden Scouts von ihren Ergebnissen. "Je besser ein potenzielles Heim, desto länger der Tanz", erklärt Seeley - 100 Achterfiguren für eine "Luxus-Unterkunft", zwölf für einen mittelmäßigen Bau.

Allerdings zeichnet sich in den ersten Stunden meist noch kein Favorit ab. Danach bilden sich allmählich Teams; Kundschafterinnen weniger guter Kandidaten fliegen zu jenen Bauten, die von den Kolleginnen heftig beworben wurden, überzeugen sich selbst und wechseln bei Gefallen über zu den Scouts, die diese Option empfohlen haben. „Das positive Feedback ist der Schlüssel zur Entscheidung“, sagt Thomas Seeley. "Jede Tänzerin gewinnt Anhänger, die Tänzerinnen der besten Behausung die meisten." Haben sich schließlich mindestens 15 Scouts an einem Bau versammelt, ist die Entscheidung gefallen; die Bienen treffen diese also durch ein Quorum, nicht durch Konsens oder Mehrheitsentscheidung.

Wie die Kundschafterinnen das Quorum erkennen und die Zahl der Gleichgesinnten abschätzen, ist den Forschern noch ein Rätsel. Fest steht: Die 15 Scouts kehren nochmals zum Schwarm zurück und pressen sich mit vibrierenden Flügeln gegen die Artgenossinnen. Durch das Flügelschlagen entsteht ein hochfrequenter Ton, der zusammen mit den Vibrationen bewirkt, dass die restlichen Tiere ihre Flugmuskeln aufheizen. Ist die richtige Temperatur erreicht, bricht der Schwarm gemeinsam auf. Zur neuen Heimat.

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