Der Kormoran: Plage oder Sündenbock?

Am Kormoran scheiden sich die Geister. Dezimiert er nun die Fischbestände oder nicht? Heftige Reaktionen löste auch eine Meldung über den Abschuss von Kormoranen in Mecklenburg-Vorpommern aus (GEO Nr. 3/07). GEO-Autorin Kirsten Milhahn hat die vier wichtigsten Argumente der Kormoran-Gegner unter die Lupe genommen
In diesem Artikel
Argument 4

Immer wieder gibt es um die Kormoranbestände in Deutschland hitzige Debatten. Während Fischereiverbände, Fischer und Teichwirte darauf drängen, geltende Schutzbestimmungen für diese Art aufzuheben und die Tiere zum Abschuss freizugeben, argumentieren Umweltverbände, Naturschützer und Ornithologen, dass eine massenhafte Bejagung, wie sie die so genannten Kormoranverordnungen vieler Bundesländern vorsehen, langfristig der falsche Weg sei.

Argument 1: Seit der Ankunft des Kormorans sind die Fischzahlen drastisch zurückgegangen.

Sowohl der Naturschutzbund Deutschland (NABU) als auch der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LVB) und der Deutsche Rat für Vogelschutz (DRV) stellen fest, "dass in wissenschaftlichen Untersuchungen, namentlich in Bayern, Schleswig-Holstein, Brandenburg und in der Schweiz, nachgewiesen wurde, dass in natürlichen Gewässern (große Binnenseen, Flüsse, Küstengewässer), wo sich die weitaus meisten Kormorane aufhalten und Nahrung suchen, keine nennenswerten, geschweige denn erhebliche Schäden auftreten. Abgesehen von punktuellen Ausnahmesituationen an kleinen Fließgewässern und Fischteichen gibt es auch keine wissenschaftlich belegten Nachweise darüber, wie und in welchem Umfang Kormorane das Vorkommen von Fischarten oder gar seltenen Fischarten beeinflussen. Im Gegensatz dazu wurde bei vielen der zitierten Untersuchungen ein paralleles Anwachsen von Kormoran- und Weißfischbeständen festgestellt. Rückgänge von Fischbeständen und Gefährdung einzelner Fischarten waren und sind dagegen primär auf Gewässerverschmutzung und -verbauung zurückzuführen."

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Das Gefieder der Kormorane ist nur teilweise wasserabweisend. Nach jedem Tauchgang muss der Vogel seine Schwingen im Wind trocknen

Argument 2: Der Kormoran frisst nicht nur Weißfische, sondern auch Edelfische - und davon bis zu 500 Gramm am Tag. Dabei verschlingt er auch große Exemplare von bis zu 45 Zentimetern.

Der tägliche Nahrungsbedarf der hierzulande vorkommenden Unterart des Kormorans Phalacrocorax carbo sinensis wird inzwischen vielfach mit etwa 300 Gramm angegeben. Nur während der dreimonatigen Brutzeit, wenn die Elterntiere ihre Jungen versorgen oder in ausgesprochenen Kälteperioden, kann der Bedarf auf 500 Gramm am Tag steigen. Dabei muss allerdings nach Energiegehalt der Fischart unterschieden werden.

Völlig überhöht dürften dagegen Fraßmengen der doppelten Menge (bis 600 g/Tag und mehr) sein. Dies würde bedeuten, dass der Kormoran permanent mehr als 20 Prozent seines Körpergewichtes fräße, was physiologisch unrealistisch ist. Dies belegen diverse Nahrungsmengenvergleiche an Vögeln, Kleinsäugern und Fischen.

Ebenso illusorisch dürfte es sein, dass der Kormoran ständig Fische verschlingt, die über 40 Zentimeter groß sind. In Ausnahmefällen mag dies zwar zutreffen, die Regel ist dies jedoch nicht. Vielmehr ist der Kormoran hinsichtlich seines Nahrungsspektrums ein äußerst opportunistischer Jäger. Er fängt nicht selektiv große Fische, sondern frisst, was er erbeuten kann - und zwar in gleichem Mengenverhältnis, wie es das Gewässer repräsentiert. Ob er dabei größtenteils Weiß- oder Edelfische verzehrt, hängt ganz vom Gewässertyp ab. Die Seen Schleswig-Holsteins, wie im Beitrag "Vogel im Fadenkreuz" exemplarisch erwähnt, sind vornehmlich mit Weißfischen besetzt. Dies gilt jedoch nicht für die Fließgewässer in Süddeutschland.

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Argument 4

Argument 3: Die Bestandesdichte hat derzeit in Mitteleuropa ein historisches Maximum erreicht. Nie zuvor gab es einen ähnlich mächtigen Bestand. Die Populationen steigen ungehemmt weiter an.

Es trifft zu, dass der Kormoran in Mitteleuropa ein neues Maximum erreicht hat. Allerdings jedoch kam er bis Anfang des 20. Jahrhunderts, als die ersten Vogelzählungen erfolgten, kaum noch vor. Vom Menschen drastisch bejagt, galt er bis in die 1970er Jahre in Deutschland als nahezu ausgerottet. Danach haben sich die Bestände langsam erholt. Seit Anfang der 1990er Jahre tritt er in Deutschland wieder verstärkt auf.

Dass sein Bestand seit dieser Zeit allerdings immer weiter zunimmt, ist dagegen falsch. Wie jede Population kann auch die des Kormorans nicht unbegrenzt anwachsen. Denn mit zunehmender Dichte steigt auch der Konkurrenzdruck, was wiederum einen negativen Rückkopplungseffekt auf die Vermehrungsrate dieser Tiere hat. Dies belegen Zählungen der letzten Jahre: In vielen Bundesländern ist der Gesamtbestand ab 1995 kaum noch angewachsen und hat seit Anfang 2000 bundesweit ein stabiles Maximum erreicht. Zudem verlagern sich die Kolonien immer mehr vom Binnenland an die Küsten von Nord- und Ostsee.

Argument 4: Kormorane rotten einheimische Fischarten aus. Vor allem gefährdete Spezies, wie etwa die Äsche (Thymallus thymallus) in Süddeutschland, sind durch den Fraßdruck der Kormorane inzwischen stark zurückgegangen. Die Bestandsregulierung des Fischräubers ist deshalb heute aus Gründen des Artenschutzes erforderlich.

Es ist durchaus zutreffend, dass der Kormoran punktuell an einzelnen Fließgewässern oder fischereiwirtschaftlich betriebenen, kleineren Teichen Schaden anrichten kann. Dem widersprechen auch die Umweltverbände nicht. Allerdings fehlen bislang eindeutige Beweise, dass die Ursache für das Abnehmen bestimmter Fischarten ausschließlich auf den Kormoran zurückzuführen ist. Vielmehr dürften Faktoren, wie der zunehmende Ausbau der Flüsse, Wasserverschmutzung durch Kraftwerksanlagen oder gar fischereiwirtschaftliche Fehlwirtschaft dabei nicht ausgeschlossen werden.

Während der Kormoran in Deutschland nämlich erst Anfang der 1990er Jahre verstärkt in Deutschland auftrat, gingen beispielsweise die Äschenbestände an der Donau bei Riedlingen, südlich der Schwäbischen Alb, bereits zehn Jahre früher deutlich zurück. Entsprechendes konnte in dieser Zeit auch an Äschen- und Forellenpopulationen am Hochrhein beobachtet werden.

Nicht immer sind Kormorane schuld

Sterben Fische jedoch ohne die Anwesenheit des Kormorans, muss es andere Ursachen geben. Ein bekanntes Beispiel ist der Großbrand im Chemielager des Arzneimittelherstellers Sandoz bei Basel im Jahre 1986 am Oberrhein. Der Brand setzte eine Wolke aus Schwefeldioxid, Stickoxid und Phosphorsäure frei. Beim Versuch, das Feuer zu löschen, wurden mit dem Löschwasser rund 20 Tonnen Giftstoffe in den Rhein geschwemmt. Kurze Zeit später brach fast der gesamte Fischbestand zusammen. Betroffen waren vor allem Weißfische, aber auch Hecht und Zander. Die Havarie avancierte zu einer der größten Rheinwasserverschmutzungen. Bis heute hat sich die dort heimische Fischfauna noch nicht vollständig erholt.

Wissenschaftler haben zudem untersucht, welche Fischarten in deutschen Gewässern schwinden. Mit eindeutigem Ergebnis: Vor allem Kaltwasser-Arten weisen seit einiger Zeit drastisch rückläufige Bestandszahlen auf - zu ihnen zählen auch Äsche und Bachforelle. Beide Arten laichen in kühlen, strömungsstarken Gewässern, vornehmlich in steinigen Uferzonen und auf Kiesbänken großer Flüsse. Heutzutage sind jedoch vor allem Rhein und Donau vielerorts begradigt und aufgestaut. Das verändert die Flussdynamik: An diesen Stellen nimmt die Strömungsgeschwindigkeit des Wassers ab und der Fluss erwärmt sich. Folge: Der Laich von Forelle und Äsche verfault in warmen, von Algen bewachsenen Uferzonen. Die allgemeine Klimaerwärmung tut ein Übriges. Die zunehmende Sonneneinstrahlung heizt den Fluss zusätzlich weiter auf.

Alternativen zum Abschuss

In Anbetracht dieser Datenlage ist es also höchst fragwürdig, den Kormoran als alleinige Ursache für schwindende Fischbestände ins Visier zu nehmen. Sollten in Deutschland jedoch künftig Kormorane in großer Zahl abgeschossen werden, löst dies nach Ansicht vieler Ökologen nicht das Problem abnehmender Fischbestände. Dabei gäbe es vor allem für Teichwirtschaften, deren Schaden durch den Fischfresser tatsächlich beträchtlich sein kann, durchaus Alternativen. So empfiehlt etwa das Bayerische Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten in München, Gewässer mit einer Fläche bis zu einem Hektar mit Schutznetzen zu überspannen. Diese halten nahezu alle Vogelarten fern.

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