Von Feuerländern und Nubiern

Nicht mit Tieren verdiente Carl Gottfried Hagenbeck jahrelang sein Geld - sondern mit Menschen. Auf über 60 Völkerschauen präsentierte er Inuit, Sioux oder Feuerländer der gaffenden Menge
In diesem Artikel
Mit Dromedaren nach Düsseldorf
Inuit bei Hagenbeck
Wilder Westen in Hamburg
Golddukaten vom Kaiser

"Fünf Minuten in ihrer Gesellschaft lassen den weißen Mann vergessen, dass sie schwarz sind - oder vielmehr sofort fühlen, dass ihre Seele fast genauso wie seine eigene ist, und ihn packt ein wildes, nicht zu befriedigendes Verlangen, mit einem von ihnen zu sprechen und ihn zum Abendessen einzuladen." So schwärmte ein Zeitungsreporter 1895, nachdem er eine Gruppe Somali im Londoner Crystal Palace erlebt hatte. Dorthin gebracht hatte sie der Deutsche Carl Gustav Hagenbeck, der berühmte Zoobesitzer, dessen größtes Geschäft jedoch viele Jahre lang nicht wilde Tiere, sondern "wilde" Menschen waren. Mit Gruppen von Nubieren, Feuerländern und Inuit tourte er durch ganz Europa.

Mit Dromedaren nach Düsseldorf

Das Geschäft mit den Tieren hatte Hagenbeck bereits im Alter von 15 Jahren von seinem Vater übernommen. Er baute einen Großhandel auf, der weltweit agierte und zog schon nach kurzer Zeit vom Spielbudenplatz in ein größeres Geschäft am Neuen Pferdemarkt unweit der Reeperbahn. Er nannte es "Hagenbeck's Thierpark". Doch Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts stagnierte das Geschäft mit den wilden Tieren. Eine neue Attraktion musste her.

Ein Freund Hagenbecks, der Tiermaler Heinrich Leutemann aus Leipzig, hatte die rettende Idee. Hagenbeck beabsichtigte, Rentiere aus Lappland zu kaufen. Der Tiermaler schlug ihm vor, die Tiere von einer einheimischen Familie begleiten zu lassen. Er schwärmte davon, wie interessant es sein müsse, die fremden Menschen mit ihren Trachten, Waffen und Gebräuchen zu erleben.

So kam es zur ersten Hagenbeckschen Völkerschau, einem aus heutiger Sicht eher belanglosen Spektakel. Die fremden Samen und Lappen fingen gelegentlich ihre Rentiere mit dem Lasso ein, stillten die Kinder, bauten Zelte auf und wieder ab oder ließen sich von einem der Rentiere ziehen. Völlig unerwartet wurde die Schau jedoch ein so großer Erfolg, das Carl Hagenbeck die Lappen auch nach Berlin und Leipzig brachte, sodass die Menschen auch dort das fremde Volk kennen lernen konnten.

Berauscht vom Erfolg dieser ersten Völkerschau organisierte Hagenbeck in den darauffolgenden Jahren zwei Schauen mit Nubieren aus dem ägyptischen Sudan. Auch sie ließ er zusammen mit Dromedaren und anderen Nutztieren nach Düsseldorf, Breslau oder Paris bringen und konnte dort manchmal sogar 30.000 Zuschauer am Tag verzeichnen.

Inuit bei Hagenbeck

Als Deutschland im Laufe des späten 19. Jahrhunderts zur Kolonialmacht wurde und so genannte "Schutzgebiete" in Afrika und in der Südsee erlangte, nahm auch das Interesse der deutschen Bevölkerung an fremden Ethnien zu. Man wollte die exotisch anmutenden Menschen sehen - und stürmte zu Hagenbeck. Völkerschauen wurden somit für den eigentlichen Zoo-Besitzer schon bald zum Hauptgeschäft - er selbst wurde Deutschlands erfolgreichster Völkerschau-Veranstalter. Seinen Tierhandel und Zoo konnte er zeitweise ausschließlich mit den Einnahmen aus den Völkerschauen aufrecht halten. So organisierte er zwischen 1874 und 1931 mit Hilfe von Werbern, Impresarios und Schiffskapitänen mehr als sechzig Völkerschauen.

Zu den berühmtesten, aber auch traurigsten dieser Schauen zählt die einer Gruppe Inuit, die der Norweger Johann Adrian Jacobsen für Hagenbeck 1880 in Labrador angeworben hatte. Acht Menschen, darunter auch Kinder, ließen sich als lebende Exponate in Hamburg zur Schau stellen und bereisten danach Berlin, Prag, Frankfurt, Darmstadt, Krefeld und Paris. Doch weil man versäumt hatte, sie zu impfen, starb die ganze Truppe nach wenigen Wochen an Pocken. Hagenbeck zeigte sich in einem Brief an Jacobsen erschüttert über diesen Vorfall: "Sie können sich wohl denken, wie mir zu Mute ist... Die Eskimo-Sachen lassen Sie nur alle verbrennen, und was die Sammlung betrifft, so will ich sie nicht nach Hamburg haben, denn ich will nichts mehr von Eskimo-Sachen sehen."

Doch die Betroffenheit währte nicht lang. Schon zwei Wochen später übernahm Hagenbeck eine Gruppe von Feuerländern, die ein deutscher Kapitän auf eigene Faust nach Deutschland bringen wollte.

Vorsorglich hatte man alle Teilnehmer diesmal gegen Pocken geimpft. Trotzdem starben fünf von ihnen an Schwindsucht, Masern und Lungenentzündung. Carl Hagenbeck schien nach diesem Vorfall endgültig mit den Völkerschauen abschließen zu wollen. In einem Brief an Jacobsen, der sich gerade auf einer Reise in Nordamerika befand, schrieb er: "...Sie wissen, dass ich ein Menschenfreund bin und können sich wohl denken, wie mich dieses Unglück mitgenommen hat und habe ich außerdem jetzt auch noch hin und wieder nicht all zu Erfreuliches in den Zeitungen darüber zu lesen, so dass ich es mir fest vorgenommen habe, nie wieder Menschen Ausstellungen zu arrangieren..."

Wilder Westen in Hamburg

Es blieb nicht bei diesem Vorhaben. Denn bereits ein Jahr später organisierte Hagenbeck erneut zwei Völkerschauen. Diesmal warb er über seinen Mitarbeiter Joseph Menges Arbeitselefanten samt einer Gruppe von Mahouts aus Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, an.

Seinen größten Erfolg feierte Hagenbeck mit einer Völkerschau, die er zunächst gar nicht gewollt hatte und deren Organistation sich außerordentlich schwierig gestaltete: Die Wild-West-Show. Hagenbeck befürchtete, Indianer seien schwer zu beaufsichtigen und würden mit ihren Englischkenntnissen zu nah mit dem Publikum in Kontakt treten. Doch nachdem er sich auf Drängen Jacobsens in London eine Wild-West-Show angesehen hatte, beauftragte er Jacobsen, eine Gruppe von Sioux in South Dakota anzuwerben. Doch die Sioux hatten bereits Erfahrung mit dem Geschäft der Völkerschauen und spekulierten auf hohe Gagen. Die Verhandlungen mit Behörden und Indianern dauerten mehr als zwei Monate. In Deutschland angekommen, bestätigten sich Hagenbecks Befürchtungen. Jeden Abend musste er den Tierpark nach deutsch-indianischen Liebespaaren absuchen oder Sioux, die über den Zaun entwischt waren, wieder einfangen lassen. Der Beliebtheit beim Publikum tat das keinen Abbruch. Bereits zur Eröffnung zählte man 54.000 Besucher; insgesamt strömten mehr als 1,1 Millionen Menschen in den Tierpark, um die Indianer zu sehen.

Die Auswahl der Völker erfolgte nach einem einfachen schaustellerischen Prinzip: Sie sollten besonders sein, möglichst ungewöhnlich und gleichzeitig typisch für ihre Region aussehen, dazu eine Ausrüstung tragen, die ihre Herkunft unterstreicht, geschickt ihre landestypischen Handlungen vollführen und möglichst verschiedenen Alters und Geschlechts sein. Außerdem sollten sie keine europäische Sprache sprechen oder verstehen, damit die Illusion von den barbarischen Wilden nicht zerstört wurde. Für ihre Anwerbung gab es klare Bestimmungen: Es bedurfte einer Erlaubnis der Regierung, manchmal musste auch eine Garantiesumme für die Rückfahrt und dazu die Gage der Teilnehmer hinterlegt werden. Die Anzahl der Teilnehmergruppen variierte zwischen drei und 400.

Golddukaten vom Kaiser

Fast alle Völker führten Tänze, Gesang und Kampfszenen vor: Die Inuit zeigten, wie man sich im Kanu unter Wasser umdreht, die Lappen, wie man ein Rentier fängt und die Australier, wie man einen Boomerang wirft. Den Zuschauern wurde wie in einem Theaterstück ein festes Programm angekündigt mit einer vorher feststehenden Szenenabfolge. Hagenbeck betonte stets, dass es ihm nicht darum gehe, eine Show zu inszenieren, sondern, seinen Zuschauern das tägliche Leben der fremden Völker nahezubringen. Doch oft bediente er auch die Klischees seiner Zuschauer. Im Laufe der Jahre perfektionierte Hagenbeck seine Großveranstaltungen. Als er 1907 den Tierpark in Stellingen eröffnete, konnte er seine Völkerschauen noch weiter ausbauen, Kulissen und sogar ganze Dörfer errichten, von denen einige Ruinen noch heute stehen.

Die Zuschauer rannten den zur Schau gestellten Völkern buchstäblich die Türen ein, so nah wollten sie ihnen sein. Eine Inuit-Schau in Frankfurt musste Tag und Nacht von Soldaten bewacht werden, weil die Zuschauer bereits die Barrieren durchbrochen hatten und sich auch von dem in Panik eine Peitsche schwingenden Inuit nicht vertreiben lassen wollten. Sie wollten ihn anfassen, ihm Geschenke machen. Auch Mitglieder der kaiserlichen und königlichen Familien - darunter Kaiser Wilhelm I., Kaiser Franz Joseph von Österreich und Königin Margerita von Italien - besuchten Hagenbecks Völkerschauen und waren begeistert. Einer Singhalesen-Truppe schenkte der österreichische Kaiser sogar einen Golddukaten. Hagenbeck bemühte sich, den Aufenthalt der Völkerschau-Truppen so angenehm wie möglich zu gestalten. Er kümmerte sich um Unterkunft, Verpflegung und ließ zu Weihnachten zuweilen sogar Geschenke verteilen. Doch wie die Ausgestellten selbst die Veranstaltungen erlebten – darüber ist nur wenig bekannt. Einziges Zeugnis ist das Tagebuch des Inuit Abraham. In seinen Aufzeichnungen findet man vor allem Heimweh, Angst und Verunsicherung. Er beschreibt Probleme mit Großstadtgeräuschen, der feuchten Kälte und seine Abneigung gegen das fremde Essen.

Während des Ersten Weltkrieges wurde das Geschäft mit den Völkerschauen zunehmend schwierig. Hagenbeck selbst war bereits ein Jahr vor Kriegsausbruch gestorben. Seine Söhne Heinrich und Lorenz führten jetzt die Geschäfte weiter. Doch 1920 bekam Hagenbeck die Folgen der wirtschaftlichen Depression zu spüren. Für vier Jahre musste der Tierpark seine Tore schließen. In den folgenden Jahren veranstalten Heinrich und Lorenz erneut Schauen mit Tscherkessen, Somali, Singhalesen und Kaledoniern, konnten diese aber nur noch als Nebengeschäft verbuchen. 1931 fand die letzte Völkerschau statt. Die Kinos hatten das Terrain erobert und zeigten in Tonfilmen auf attraktivere Weise das Leben der fremden Völker.

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