Verhaltensforschung: Immer mit der Ruhe!

Für Meerechsen auf Galápagos gab es lange Zeit keine Feinde. Entsprechend träge ist heute ihr Fluchtverhalten

Als "einmaliges Beispiel offensichtlicher Dummheit" beschrieb Charles Darwin eine Galápagos-Meerechse, die er mit der Hand aufgriff und ins Meer warf. Statt zu flüchten, kehrte sie zu ihm an Land zurück. Solche Unbekümmertheit konnte im Laufe der Evolution nur durch die Abwesenheit von Raubfeinden auf den abgelegenen Inseln entstanden sein.

Die meisten Tiere reagieren beim bloßen Anblick eines Feindes mit der Ausschüttung von Stresshormonen, die den Körper auf Flucht oder Kampf vorbereiten. Doch die Meerechsen auf den Galápagos-Inseln laufen selbst heute noch erst viel zu spät - wenn überhaupt - davon, wenn sie bedroht werden. Weswegen ihnen die durch den Menschen vor rund 150 Jahren eingeführten Haustiere - vor allem Hunde - zur Bedrohung werden. Ein deutsch-amerikanisches Wissenschaftlerteam um Thomas Rödl vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Andechs hat das Fluchtverhalten der Echsen untersucht. Auf mehreren Inseln des Archipels simulierten die Forscher Angriffe, indem sie die Reptilien 15 Minuten lang durch wiederholte Annäherung zum Weglaufen bewegten. Dabei maßen sie die Distanz, ab der die Tiere flüchteten, fingen sie anschließend ein und bestimmten die Konzentrationen des Stresshormons Kortikosteron in deren Blut.

Auf Inseln ohne Haustiere zeigten Meerechsen nur geringe Fluchtdistanzen, Stressreaktionen waren nicht nachzuweisen. Wo aber Haushunde lebten, erhöhten die Stressmarker im Blut sich deutlich. Die Echsen ließen die Forscher nicht annähernd so dicht an sich heran, wie sie es ihnen auf hundefreien Inseln erlaubten - allerdings immer noch viel zu dicht, um Hunden entgehen zu können. "Offensichtlich haben die Meerechsen über Jahrmillionen verlernt, was ein Feind ist", sagt Thomas Rödl. Dass überhaupt eine deutliche Stressreaktion eintreten kann, erklärt der Wissenschaftler damit, dass die Echsen sehr wohl Erfahrungen mit Stress haben. Allerdings nicht aufgrund von Beutegreifern, sondern durch Notzeiten, etwa wenn es an Futter mangelt, wozu es auf Galápagos infolge zyklischer Klimaänderungen kommt. Rödl hält deshalb die Stressreaktion für eine evolutionäre Anpassung an Klimaschwankungen. Diesen Zusammenhang haben die bizarren Reptilien offenbar nie verlernt.

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