Porträts aus einem Organismus

Überall das gleiche Bild: Schlangenskelette. Hunderte von Schachteln. Unmöglich, sich als Laie zurechtzufinden und treffsicher ein Skelett als Fotomodell auszuwählen. Doch zum Glück steht GEO-Fotograf Hans Hansen ein Kurator zur Seite, der die schönsten Stücke präsentiert - Teil jener mindestens tausend Exemplare, die Hansen einen Monat lang im Berliner Museum für Naturkunde in Augenschein genommen hat

30 Millionen Exponate und Forschungsobjekte lagern hier auf über 6500 Quadratmetern. Ein Drittel der Ausstellungsfläche ist renoviert worden: Vier Räume, unter denen der berühmte Sauriersaal mit den Skeletten der Urzeitriesen aus Tendaguru in Tansania der wohl berühmteste ist. Am 13. Juli 2007 ist Neueröffnung.

Dabei hatte die rußige Außenfassade des Museums Hansen eher Tristesse erwarten lassen. Aber dann: "Ich stand auf Fluren mit riesigen Schränken mit Tausenden von Schubladen. Und in jeder befanden sich Exponate, unzählig viele." Das 1889 in der Invalidenstraße errichtete Museumsgebäude ist eine wahre Schatzgrube für Besucher wie Forscher.

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Hans Hansen dokumentiert die Montage der Dinosaurier im Lichthof. Der Hamburger Fotograf gewann im Zuge seiner Arbeit bei den Kustoden so viel Vertrauen, dass er sich im Museum frei bewegen konnte - bei Tag und Nacht

Ein arbeitender Organismus

Hans Hansen erlebte das Museum als "arbeiten Organismus". Haus-, Gastwissenschaftler und Studenten eilten zwischen den Sammlungen hin und her. Er selbst hatte zunächst eine Probezeit zu bestehen. "Ich musste beweisen, dass ich die Stücke sorgfältig behandle und keines bei meiner Arbeit Schaden nimmt". Umso überraschter war der GEO-Fotograf, als er nach wenigen Tagen von den Kuratoren den Generalschlüssel für die Sammlungen erhielt. "Ich fühlte mich wie ein Schatzsucher, dem plötzlich das ganze Ausgrabungsgelände offensteht und war sehr dankbar über das Vertrauen".

Heikel wurde es beim Fotografieren des "Archaeopteryx". Das versteinerte Skelett des Urvogels mit dem Abdruck der Federn ist eine der größten Kostbarkeiten aus der Welt des ausgestorbenen Lebens. Der Urvogel hat vor 150 Millionen Jahren gelebt und konnte die Größe eines Huhns erreichen. Das Berliner Exemplar wurde extra für den GEO-Fotografen aus dem Safe geholt. "Das hat mich schon nervös gemacht", erzählt Hansen. Zumal das Bruchrisiko für dermaßen kostbare Fossilien so gut wie nicht versicherbar ist. Also hoben die Kuratoren ihren Archaeopteryx in einem mit einer dicken Glasscheibe abgeschirmten Holzkasten eigenhändig aus dem schützenden Stahlfach.

Gesteinsstücke aus dem Weltall

Neben den großen und berühmten Exponaten verzauberten Hansen aber auch die unscheinbaren Stücke. "Da gab es so eine Schublade mit unzähligen Kästchen. In jedem davon waren Käfer, viele so winzig, dass ich sie mit bloßem Auge nicht erkennen konnte." Hansens Highlight stammt allerdings nicht von dieser Erde. "Die Meteoritensammlung ist einfach unglaublich. Man steht andächtig vor Schränken und Schubladen voller Gesteinsstücke aus dem Weltall."

Ganz von dieser Welt sind die Probleme des Museums, die Hansen hautnah miterlebte. Muffige Korridore, spartanische Arbeitszimmer, bröckelnde Fassaden und dringend sanierungsbedürftige Exponate zeugen vom Geldmangel des Hauses. Das aber spornte den GEO-Fotografen nur noch mehr an: "Ich möchte mit meinen Bildern nicht die Mängel des Museums, sondern die Schönheit der Exponate zeigen. Ich hoffe, dass viele Besucher von der Pracht der Ausstellungstücke anzogen werden und sich die Kassen des Museums füllen werden. Das ist mein größter Wunsch für dieses Haus".

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