Ornithologie: Kaffee für einen Sänger

Ein auf der Insel Fogo als ausgestorben geltender Singvogel lebt. Nur jetzt in Kaffeeplantagen

Rein gewohnheitsmäßig und wider besseres Wissen schaltete der Chemnitzer Naturschützer Jens Hering in den nördlichen Kaffeeplantagen von Fogo, der Vulkaninsel des Kapverden-Archipels, ein Tonband mit der Stimme des Kapverden-Rohrsängers ein. Der inoffizielle Wappenvogel der Kapverden - er ziert die 1000-Escudo-Scheine - war nur noch für die Hauptinsel Santiago und für São Nicolau verbürgt. Auf Fogo und der Nachbarinsel Brava galt er seit Jahrzehnten als ausgestorben.

Doch nahe der Ortschaft Pai António auf Fogo, zwischen Kaffee- und Maiskulturen, Obstbäumen und Gestrüpp, rief die Klangattrappe schon beim ersten Versuch Resonanz hervor: Zwei Vögel reagierten und konnten wenig später gefangen und fotografiert werden. Hering erkundete nun in teils halsbrecherischen Klettereinsätzen die angrenzenden, dicht bewachsenen Vulkanschluchten und fand 32 Reviere von Acrocephalus brevipennis.

Dieser Zufalls(wieder)fund war der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft eine Suchexpedition wert. Das Ergebnis: Im Herbst 2006 bezifferten Jens Hering und sein Kollege Elmar Fuchs die Fogo-Population des Rohrsängers auf über 500 Brutpaare. Der unscheinbare Vogel mit der markanten Singstimme hat offenbar in den Kaffeeplantagen annehmbare "Ersatzbiotope" für die kaum noch vorhandene ursprüngliche Vegetation gefunden. Eingestreute Mango-, Orangen-, Papaya-Bäume und Bananen-Stauden bieten dem Insektenjäger Nistplätze und Singwarten. Die dreiwöchige GPS-gestützte Kartierungsarbeit in steilen Lagen und schwer zugänglichen Tälern brachte weitere neue Erkenntnisse. So beteiligt sich das Männchen zu rund 50 Prozent am Brutgeschäft. Und das Nest des Rohrsängers wird auf Fogo aus Bananenblattfasern geflochten.

Auf Santiago soll es ebenfalls noch etwa 500 Brutpaare geben. Mit abnehmender Tendenz, wie man glaubte. Doch vielleicht gibt es auch hier Grund zu Optimismus; im dichten Unterholz der hochgelegenen Eukalyptuswälder, wo bisher noch niemand richtig gesucht hat, fanden Hering und Fuchs optimale Brutbedingungen für den kleinen braunen Sänger. Dass der "Kurzflügelige" von den verbliebenen Lebensräumen aus andere Inseln besiedeln wird, ist aber unwahrscheinlich: Er ist nur ein mäßig guter Flieger.

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