Zoologie: Wer brüllt denn da

Sichtkontakt ist nicht erforderlich. Hirschkühe lassen sich vorrangig vom Röhren der Böcke betören

Die Zeit drängt. Bereits nach 24 Stunden klingt die Brunft bei den weiblichen Rothirschen ab - und kehrt erst ein Jahr später wieder. Da die Tiere ihre Paarungsaktivitäten auch nachts fortsetzen, ist es in der Finsternis für die Kühe schwierig, die potenziellen Partner zu taxieren. Triumphieren dann Rivalen mit ausgeprägten akustischen Qualitäten? Im eigenwilligen Röhren, das der Hirschbock während der Brunftzeit durch den Wald hallen lässt, könnten Hinweise auf seine genetischen Vorzüge verschlüsselt sein. Denn mit der Körpergröße des brüllenden Individuums variieren auch die Ausmaße des Stimmapparates (Vokaltrakt) und seine Resonanzmuster (Formanten) – die wesentlichen Elemente der Klangbildung.

Benjamin Charlton und seine Kollegen von der Universität Sussex beschallten weibliche Rothirsche einer französischen Versuchsfarm nahe Clermont-Ferrand mit Brunftschreien von Männchen. Mittels zweier Lautsprecher, jeweils ungefähr 25 Meter entfernt von der paarungswilligen Kuh installiert, gaukelten sie dieser zwei um ihre Gunst buhlende Böcke vor: ein stattliches Exemplar (mit großer Vokaltraktlänge und tiefen Formanten) und einen eher kleinwüchsigen Konkurrenten.

Das Votum der Weibchen fiel eindeutig aus: Sie stürmten mehrheitlich in Richtung des Playback-Röhrens aus großer Kehle. Offenbar schließen die Hirschkühe aus der Klangfarbe

auf die Statur. Paaren sich die Weibchen mit stattlichen Böcken, profitieren sie indirekt von dieser Liaison: Sie gebären größere, konkurrenzfähigere Nachkommen.

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