Illegale Fischerei: "Haiflossen-Jäger haben leichtes Spiel"

Hai-Flossen sind in Asien eine begehrte Delikatesse. Fischer schneiden sie den Haien bei lebendigem Leib ab. GEO-Reporter Christian Jungblut erzählt von seiner Recherche in Costa Rica

GEO.de: Vor 30 Jahren spielten Haie fischereiwirtschaftlich keine Rolle. Inzwischen sind sie vom unerwünschten "Beifang" zum "Zielfang" geworden – warum?

Christian Jungblut: Das hängt erstens mit der weltweiten Überfischung zusammen. Experten schätzen, dass mehr als drei Viertel aller kommerziell genutzten Fischbestände maximal ausgebeutet sind. Deshalb gehen die Fischer auf immer neue Zielfänge über – auch Haie. Zweitens ist die Nachfrage nach Hai-Produkten in Südostasien, besonders in China, enorm gestiegen, besonders nach deren Flossen, die zu Suppe verkocht zu besonderen Anlässen serviert werden. Haiflossen-Suppe gilt zwar als teure Spezialität, doch infolge des wirtschaftlichen Booms können sich immer mehr Chinesen diese Spezialität leisten. Milliarden von Dollar werden damit umgesetzt. Ein Kilo Flossen bringt dem Fischer bis zu 200 Dollar – ein weiterer Grund, weshalb den Haien so stark nachgesetzt wird.

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GEO-Reporter Christian Jungblut

Wie viele Haie sterben jährlich durch kommerziellen Fischfang?

Gesicherte Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen gehen von zig Millionen Haien pro Jahr aus – Tendenz steigend. Mehr als 20 Haiarten sind nach der Roten Liste der bedrohten Spezies in ihrem Bestand direkt gefährdet, fast 100 verletzlich.

Manchen wird das insgeheim freuen, denn der Hai gilt immer noch als Menschenfresser.

Für viele ist der Hai, das Monster der Meere, ein furchterregendes Wesen, das sie lieber tot als lebend sehen. Pro Jahr sterben fünf bis fünfzehn Menschen durch Haiangriffe, meist durch mangelnde Vorsicht. Haie sind hochintelligente Tiere, die im Ökosystem der Ozeane als Jäger und Aasvertilger eine immens wichtige Rolle spielen. Dezimiert sich ihr Bestand weiter, hat das – so zwei wichtige Studien – unabsehbare Folgen. Der gesamte Regelkreis des marinen Ökosystems wird aus den Fugen geraten. Die Bestände können sich auch nicht schnell wieder erholen, da Haie im Vergleich zu anderen Fischen nur eine langsame und niedrige Reproduktionsrate haben.

Wo und in welchem Umfang dürfen Haie überhaupt gefangen werden?

Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Es gibt kein weltweit geltendes Abkommen, dass Haie unter Schutz stellt. Die USA etwa haben den Fang verboten. Vor der Küste von Costa Rica ist der Fang dagegen erlaubt, abgesehen von kleinen Schutzgebieten wie vor der Isla de Coco, das die Unesco zum Weltnaturerbe erklärt hat – was die Fischer jedoch nicht davon abhält, hier Haie zu jagen. Costa Rica hat nicht genug Geld, um diese Schutzzonen zu schützen. Eine Handvoll Inspektoren soll mehrere hundert Fischkutter überwachen. Die Haiflossen-Jäger haben da leichtes Spiel.

Sie haben wochenlang vor Ort recherchiert. Wie gehen die Haiflossen-Jäger vor?

Sie fahren nachts in das Schutzgebiet der Kokosinsel und legen ihre bis zu 80 Kilometer lange Hauptangelleine aus, an der zehntausende Haken in die Tiefe hängen. Den gefangenen Haien schneiden sie an Deck die Flossen ab, und das Tier stoßen sie ins Meer, das dann dort ertrinkt. Die Haikörper würden ja nur die Laderäume verstopfen. Denn für das Fleisch bekommen die Fischer gerade mal zwei Dollar pro Kilo – für die Flossen wenigstens 50 Mal mehr. Zurück im Hafen werden die Kutter kaum je kontrolliert, ebenso wenig die Fischerreibetriebe, so dass die Flossen dort in aller Ruhe in Container verladen werden können. Teilweise sind die Fischer aber auch schon dazu übergegangen, die Flossen bereits auf See an Frachtschiffe zu übergeben.

Das heißt, die Flossen tauchen gar nicht erst auf offiziellen Märkten auf?

Doch, aber nur ein Bruchteil. Offiziell sollen alle Fischprodukte über einen Großmarkt nahe der Hauptstadt San José verkauft werden. Dort sieht man tatsächlich auch ein paar Haiflossen, aber die sind eigentlich nur ein Feigenblatt. Tatsächlich ist die Anzahl der via Costa Rica weltweit verkaufen Haiflossen gigantisch.

Von welchen Mengen sprechen wir?

Ich habe mich als Aufkäufer einer deutsch-neuseeländischen Fischereifirma ausgegeben und bei etlichen Betrieben in Costa Rica nachgefragt. Die Inhaber waren sehr daran interessiert, mit mir ins Geschäft zu kommen, weil der europäische Markt bisher kaum eine Rolle für den Verkauf von Haiflossen spielt. Eine der größeren Firmen, von denen es dort fünf gibt, wollte mir pro Monat 50 Tonnen Haiflossen liefern. Da kann man sich ungefähr vorstellen, mit welchen Mengen alle Haiflossen-Jäger in Costa Rica zusammen genommen handeln.

Wohin geht die Ware?

Hauptumschlagplätze sind die riesigen Fischmärkte in Hongkong und Taiwan. Dort werden nach Schätzungen pro Jahr offiziell jeweils über 7000 Tonnen Haiflossen weiter exportiert. Aber auch die USA spielen eine wichtige Rolle, weil dort inzwischen sehr viele Chinesen leben.

Wie realistisch ist ein internationales Handelsverbot für Haifischflossen?

Da darf man sich nur wenig Hoffnung machen. Vor allem asiatische Staaten – China, Taiwan, Japan, Singapur – verdienen viel Geld mit Haiflossen. Die haben kein Interesse an einem Handelstop. Viele andere Staaten wiederum, die vielleicht prinzipiell für ein Handelsverbot wären, werden sich in dieser Frage nicht mit China anlegen wollen, denn das Land ist ja ein enorm starker Handelspartner.

Welche Wirkung kann ein Film wie „Sharkwater“ erzielen?

Sicherlich werden sich durch diesen Film mehr Menschen des Problems bewusst werden. Sie werden Haie mit anderen Augen sehen und begreifen, welch wichtige Funktion Haie für den Ozean haben. Dadurch werden auch Politiker eher bereit sein, gegen die Haiflossen-Schlächter vorzugehen. Doch das kann dauern.

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