Auf getrennten Wegen

Auerhuhn-Populationen leben zunehmend isoliert. Das hat Einfluss auf ihr Erbgut

Gernot Segelbacher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell – 2007 mit dem Forschungspreis der Deutschen Wildtierstiftung ausgezeichnet – war auf eine ungewöhnliche Idee verfallen: Anhand von Trophäen wollte er Genmaterial früherer Auerhahn-Generationen aus dem Gebiet des Schwarzwaldes mit jenem von heute lebenden vergleichen. Bereitwillig meldeten sich Trophäenliebhaber als Tierspender auf seinen Aufruf in einer Jägerzeitschrift.

Häufig waren es alte Herrschaftshäuser, in denen Segelbacher seine Proben nahm – Auerhühner waren früher als Hochwild dem Adel vorbehalten. Im Schloss Sigmaringen etwa mussten die Vögel mithilfe einer Leiter von den hohen Wänden geholt werden. Auch Privathaushalte öffneten ihre Vitrinen. In Wirtshäusern stöberte der Forscher Trophäen ebenso auf wie in Forstämtern und Museen.

Das Ergebnis der Untersuchungen: Innerhalb der historischen Proben waren die genetischen Unterschiede weit geringer als bei den heute im Schwarzwald lebenden Auerhühnern – bei diesen hat sich also der Genfluss deutlich vermindert. Die Population des nördlichen Schwarzwaldes ist von den anderen genetisch sogar völlig abgetrennt.

Die zunehmende Isolierung erhöht den Druck auf die in Deutschland ohnehin vom Aussterben bedrohte Tierart. Aufgrund der intensiven Forstbewirtschaftung schrumpfen geeignete Lebensräume für Auerhühner, die lichte Mischwälder in Hochlagen zum Überleben brauchen. So ist im Schwarzwald die Anzahl der Hähne seit Beginn des 20. Jahrhunderts von etwa 4000 auf 500 in den 1980er Jahren gesunken; 2003 waren es nur noch 250 Auerhähne.

Die wenigen verbliebenen Tiere leben inzwischen in kleinen, voneinander getrennten Waldfragmenten. Weil sich Auerhühner jedoch nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsort entfernen, dürften die Kontakte zwischen den einzelnen Gebieten stark eingeschränkt sein. Das wirkt sich auf den genetischen Austausch der Vögel aus.

Es sei wahrscheinlich, vermutet Segelbacher, dass in fünf bis zehn Jahren weitere landschaftliche Barrieren hinzukämen. Dies zu verhindern, soll jetzt mit dem "Aktionsplan Auerhahn" angestrebt werden, den die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg gemeinsam mit Wissenschaftlern, lokalen Auerhuhn-Experten und Interessenverbänden ins Leben gerufen hat. Durch unbewirtschaftete Waldflächen und Korridore zwischen den einzelnen Gebieten soll neuer Lebensraum für die bedrohte Art geschaffen werden – wovon auch andere Vögel sowie zahlreiche Insekten und Pflanzen profitieren könnten.

GEO.de Newsletter