Verteidigung im Tierreich: Haftende Spucke

Viele Raupenarten schlagen ihre Feinde mit giftiger Spucke in die Flucht. Oder mit einem besonderen Sekret, dessen Wirkstoffe auch in Spülmitteln vorkommen

Oft leben Raupen in Symbiose mit Ameisen. Ähnlich wie bei Läusen "melken" die Ameisen die Raupen und gewinnen so Honigtau oder Zuckerwasser. Die Raupen werden dafür vor Fressfeinden beschützt. Problematisch gestaltet es sich für Raupen allerdings, wenn Ameisen als Räuber der saftigen Proteinsnacks auftreten. Dann würgen viele Raupenarten, aber auch Grasshüpfer, Blattwespen und Kartoffelkäfer einen Tropfen Oralsekret aus ihrem Vorderdarm hervor und bespucken damit auch andere Feinde wie Eidechsen und selbst Vögel. Ein etwas unappetitlicher, aber wirksamer Verteidigungszug – die Räuber geben auf und ziehen sich zurück. Aber warum schreckt diese kleine Spuck-Attacke Meisterräuber wie Ameisen überhaupt ab, die sich als besonders hart im Nehmen gegenüber noch ganz anderen Verteidigungsmechanismen erweisen?

Gift allein macht nicht wehrhaft

Bisher dachten die Forscher vor allem an Gift. Raupen, so die Lehrmeinung, wandeln bestimmte Inhaltsstoffe in der Futterpflanze so um, dass diese in ihrem Abwehrsekret wie toxisch wirken. Wie Biologen der Universität Würzburg nun herausgefunden haben, ist dies allerdings nur ein Aspekt der Verteidigungsstrategie. Denn evolutionsbiologisch würde es einen Nachteil für Raupen bedeuten, wenn sie sich allein auf Pflanzen beschränken müssten, die diese umwandelbaren Inhaltsstoffe haben. Raupen verfügen über keinen Giftschrank, sind in der Regel auch nicht von sich aus giftig. "Insekten, die an vielen verschiedenen Pflanzenarten fressen, wären ziemlich ungeschützt, wenn diese Pflanzen wenig oder gar keine der benötigten Inhaltsstoffe produzieren", sagt Michael Rostás, wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Botanik II der Universität Würzburg.

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Trickreiche Spuckmeister: Viele Raupen sind wehrhafter, als sie auf den ersten Blick scheinen

Benetzte Ameisen müssen sich minutenlang putzen

Rostás und seine Mitarbeiterin Katrin Blassmann haben nun eine "zweite Verteidigungslinie" entdeckt: Oberflächenaktive Substanzen in der Raupenspucke, so genannte Surfactants, demoralisieren die Angreifer, ohne ihnen körperlich dauerhaft zu schaden. Surfactants senken die Oberflächenspannung des Wassers, die unter anderem bewirkt, dass Wasser an Körpern abtropft. "Ameisen und viele andere Insekten haben eine stark wasserabweisende Außenhaut, die zu benetzen fast unmöglich ist. Normalerweise würde die Spucke einfach abperlen", erklärt Rostás. Surfactants verteilen nun die Spucke auf der Ameisenhaut derart effektiv, dass die Angreifer sich minutenlang putzen müssen. Genug Zeit selbst für die langsamen Raupen, sich zu entfernen. Oder einfach weiterzuspucken, bis die Ameise aufgibt. Wichtig: Im Gegensatz zum Gift können viele Raupenarten die Surfactants unabhängig von der aufgenommenen Nahrung produzieren.

Die gleiche Technik wie bei Insektiziden in der Landwirtschaft

Die Raupen haben mit den Surfactants schon vor langer Zeit eine Verteidigungstechnik entwickelt, die nicht nur bei Tensiden in der Reinigungsindustrie, sondern seit kurzem auch in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt. Moderne Insektizide nutzen oberflächenaktive Substanzen, um Schädlinge wie Blattläuse und Käfer von der Ernte fern zu halten. Auch hier werden die Insekten von der Flüssigkeit regelrecht umhüllt. Dann heißt es: Kein Durchkommen mehr zum saftigen Gemüse oder Obst.

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