Nachtigallen: Sex im Dunkeln

Nachts lockt ihr Gesang paarungswillige Weibchen an. Frühmorgens schreckt das Gezwitscher Reviereindringlinge ab. - Nur Nachtigallenhähnchen variieren den Zweck ihres Gesangs mit der Tageszeit

Warum singen männliche Nachtigallen in der Nacht? Charles Darwins Theorie der sexuellen Selektion geht davon aus, dass der Vogelgesang entweder dazu dient, Weibchen anzulocken oder ein Revier gegen andere Männchen zu verteidigen. Forscher der Universität Basel konnten den sexuellen Teil der Theorie durch Feldforschung bestätigen: Sie ertappten Vogelpärchen in flagranti und fanden heraus, dass weibliche Nachtigallen nachts auf Partnersuche gehen, wobei sie sich vom Gezwitscher der Männchen locken lassen. War der Akt vollzogen, verfielen die Männchen prompt in Schweigen - zumindest bis zur Morgendämmerung.

Peilsender in den Federn

Auf die Spur brachten die Forscher zehn weibliche Nachtigallen, die rund um das französische Colmar gefangen wurden, unmittelbar nach der Rückkehr der Zugvögel aus ihrem Winterquartier. Die Probanden wurden nahe Basel in der Schweiz ausgesetzt, nachdem die Vögel mit Radiotelemetrie-Sendern ausgestattet worden waren. Tagsüber blieben die Weibchen brav an Ort und Stelle. Zwischen Mitternacht und vier Uhr früh allerdings flogen sie bis zu sechs Kilometer weit in der Finsternis umher.

Sex macht stumm

Auf Fahrrädern und mit Telemetrie-Antennen nahmen die Ornithologen die Verfolgung der Nachtschwärmer auf - und beobachteten, dass die Weibchen mehrere singende männliche Artgenossen besuchten und mit ihnen "flirteten". Nach ein bis drei Nächten hatten die Weibchen sich für einen Partner entschieden, um sich mit ihm zu paaren. War der Sex vorbei, hörte auch das lockende Gezwitscher des Männchens in der Nacht auf - für den ganzen Rest der Saison.

Weibchen sind wählerisch

Die Ornithologen der Universität Basel können frühere Forschungen also bestätigen, wonach nur unverpaarte Nachtigallen-Männchen auch in der Nacht lauthals zwitschern. Auch verharren sie an Ort und Stelle und warten den Damen-Besuch ab. Die Weibchen wiederum hüpfen von einem Freier zum nächsten, bevor sie eine Wahl treffen.

Nachts Liebesgesang, morgens Kampfgezwitscher

Nur in der Morgendämmerung kann man nicht mehr unterscheiden, welches Nachtigallen-Männchen in der Nacht Sex hatte und welches nicht: Früh morgens zwitschern alle Vogel-Männchen so laut sie können. Und morgens dient ihr Gesang nicht dazu, Weibchen zu betören, sondern männliche Artgenossen aus dem eigenen Revier fernzuhalten. - Keine andere Vogelart bedient sich des Gesangs zu unterschiedlichen Zwecken an verschiedenen Tageszeiten.

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