Genetik: Was macht ein Tier zahm?

Ist die Wildheit eines Tieres in seinen Genen angelegt? Dieser Frage ging ein internationales Forscherteam in einer Langzeitstudie auf den Grund. Nun konnten die Genregionen ausgemacht werden, die darüber entscheiden, wie gut ein Tier mit dem Menschen auskommt
Genetik: Was macht ein Tier zahm?

Was macht Kühe zahm? Genetiker suchen nach einer Antwort - in den Erbanlagen

Seit Jahrtausenden domestiziert der Mensch Tiere, um sie für sich nutzbar zu machen. Dabei werden für die Zucht diejenigen Individuen ausgewählt und miteinander gekreuzt, die dem Menschen gegenüber am wenigsten Aggression zeigen. Durch diese Zuchtauswahl verändert sich das Genom der Tiere, bis schließlich neue Rassen oder gar Arten entstehen, die für das Zusammenleben mit dem Menschen besser geeignet erscheinen. Dabei war bislang ungeklärt, welche Veränderungen genau zur Domestizierung der Tiere beitragen und welche Gene für die unterschiedlichen Verhaltensweisen verantwortlich sind.

Bei anderen Aspekten der Zucht - wie etwa der Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten oder der Produktionsleistung von Tieren - kommt heute neben traditioneller Züchtung auch die Gentechnik zum Einsatz, um den gewünschten Erfolg schneller zu erzielen. Nun konnten Wissenschaftler aus Deutschland, Schweden und Russland auch im Bezug auf die Zahmheit von Tieren, erste Erkenntnisse über die dabei beteiligten Gene veröffentlichen.

Nach fast 40 Jahren: gesuchte Genregionen entdeckt

Bereits vor nahezu vierzig Jahren begann die Suche nach den Genen, die das Verhalten eines Tieres dem Menschen gegenüber bedingen. Im Jahr 1972 fingen sibirische Forscher in Nowosibirsk zu diesem Zweck wildlebende Ratten. Die Tiere wurden ihrem Verhalten entsprechend eingeteilt: Eine Gruppe mit den Individuen, die auf Menschen freundlich reagierten; eine zweite Gruppen mit denjenigen, die sich aggressiv verhielten, kratzten und bissen. In den folgenden Jahren ließ man die Tiere sich innerhalb ihrer Gruppen ungestört vermehren. Dabei prägten sich die unterschiedlichen Verhaltensweisen weiter aus. Nach mehr als 60 Generationen waren die Nachkommen der "freundlich gesinnten" Ratten völlig gezähmt, ließen sich anfassen, hochnehmen und zeigten Menschen gegenüber keine Aggression.

Um schließlich diejenigen Regionen im Genom der friedfertigen Individuen auszumachen, die für ihre Zahmheit verantwortlich sind, kreuzten die Forscher sie mit Ratten aus der aggressiven Gruppe. Bei der Auswertung der Nachkommen konnten zwei Genomabschnitte identifiziert werden, auf die das unterschiedliche Verhalten der Tiere zurückgeführt werden könne. Die Wissenschaftler hoffen nun darauf, dass die neuen Erkenntnisse bei der Domestizierung bislang ungezähmter Tiere - wie etwa dem Afrikanischen Büffel - helfen können.

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