Interview: Grünfink in Gefahr

Seit Anfang Mai beobachten Umweltschützer ein massenhaftes Grünfinkensterben in Deutschland. Offenbar breitet sich die tödliche Infektion über Vogeltränken aus. GEO.de sprach mit dem NABU-Vogelexperten Ingo Ludwichowski
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Ingo Ludwichowski ist Vogelexperte und Geschäftsführer des NABU Schleswig-Holstein

GEO.de: Herr Ludwichowski, in den vergangenen Monaten sind mehrere Zehntausend Wildvögel an Trichomonaden verendet. Am stärksten betroffen ist der Grünfink. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen? Ingo Ludwichowski: Da stehen sowohl wir vom NABU als auch die veterinärmedizinischen Untersuchungsämter vor einem Rätsel. Vermutlich reagieren die Grünfinken deshalb so empfindlich, weil sie – anders als Tauben oder Hühner – nie zuvor mit dem Erreger in Kontakt gekommen sind. Ihr Körper hat bisher nicht gelernt, sich zur Wehr zu setzen.

NABU-Präsident Olaf Tschimpke spricht vom "ersten infektiösen Massensterben" von Wildvögeln in Deutschland ... Das ist richtig. Bei Singvögeln ist es uns in der Bundesrepublik zumindest in dem Ausmaß bisher nicht begegnet. Selbst bei der Vogelgrippe waren die betroffenen Bestände nicht so groß. Das massenhafte Sterben der Grünfinken ist schon deshalb einmalig, weil es in weiten Teilen Deutschlands auftritt. Waren zunächst nur die Bundesländer Schleswig-Holstein und Niedersachsen betroffen, wurden mittlerweile auch Fälle in Nordrhein-Westfalen und Berlin registriert. Auch aus Bayern gibt es inzwischen Hinweise aus der Bevölkerung. Betroffen ist aber nicht nur der Grünfink. Klinisch bestätigt wurde der Krankheitserreger unter anderem auch bei den Buchfinken, Kernbeißern und Elstern.

Erste Meldungen über das Vogelsterben in Deutschlands Gärten und Parks gab es schon Anfang Mai. Warum hat es so lange gedauert, die Ursache ausfindig zu machen?

Die Schwierigkeit besteht unter anderem darin, dass die staatlichen Untersuchungsämter es offensichtlich nicht als ihre Aufgabe betrachten, Wildvögel zu untersuchen. Wir haben mehrere glaubwürdige Berichte von Personen vorliegen, die versucht haben, kranke Tiere in die Untersuchungsämter einzuliefern. Sie wurden schlichtweg abgewiesen - mit der Begründung, dafür sei man nicht zuständig. Einige Behörden haben sich bereits zu einem Zeitpunkt geweigert, an dem die Ursache noch gar nicht gefunden war. Hier besteht ein hoher Regelungsbedarf.

Im Münsterland fand eine Hausbesitzerin innerhalb weniger Tage mehr als 120 tote Grünfinken. Wird der kleine Singvogel in Zukunft weiter in den deutschen Gärten zwitschern? Mit dem Grünfink trifft es ja eine Art, die zu den häufigsten Vogelarten Deutschlands gehört. Von daher geht niemand davon aus, dass der Bestand dauerhaft beeinträchtigt ist. Nach wie vor tritt das Grünfinkensterben nicht bundesweit auf. Es gibt viele Gebiete, in denen der Erreger bei Singvögeln nicht nachgewiesen wurde, beispielsweise in Hessen, Rheinland-Pfalz oder Mecklenburg-Vorpommern. Es ist also nicht zu befürchten, dass die Art ausstirbt. In einigen Regionen der Bundesrepublik ist der Grünfinkenbestand aber erheblich zurückgegangen.

Inwieweit kann die Bevölkerung helfen, die weitere Verbreitung einzudämmen? Nach Meinung des NABU und der staatlichen Untersuchungsämter sind es insbesondere die Vogeltränken, die für die Weiterverbreitung der Trichomonaden sorgen. Der Erreger kann bis zu 24 Stunden im Wasser überleben. Kranke Grünfinken tendieren dazu, sehr häufig zu trinken und geben auf diese Weise den Erreger in die Tränken ab, wo sie andere Vögel infizieren. Ob von den Fütterungen selbst eine Gefahr ausgeht, ist aus den Daten nicht eindeutig abzulesen. Unser Appell an Vogelfreunde und Gartenbesitzer ist es, Fütterungen vorsorglich einzustellen und Vogeltränken aus den Gärten vorübergehend zu entfernen.

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