Verhalten Kollektive Angst

Auch unter Mäusen gibt es Mutige und Ängstliche. Aber nicht in der Gruppe - da fürchten sie sich alle gleich

Das Schlagwort „Massenhysterie“ existiert schon lange. Und es gibt genügend Berichte darüber, wie sich in einer Gruppe die Gefühle von Individuen gegenseitig aufschaukeln. Doch erst jetzt ist experimentell nachgewiesen worden, dass ein solch „kollektives Gefühl“ auch körperlich und messbar etwas anderes ist als bloß die Summe einzelner Empfindungen. Zumindest bei Levante-Wühlmäusen (Microtus socialis).

Die Zoologen David Eilam und Rony Izhar von der Universität Tel Aviv haben drei Gruppen mit je zehn dieser Wühlmäuse in Käfige gesteckt - eine friedfertige Umgebung ohne Fressfeinde. Als Maß für die Ängstlichkeit der Tiere unter diesen optimalen Bedingungen galt, wie viel Zeit jede Wühlmaus im Freien und in einem geschützten Bereich verbrachte und wie sie sich in einem sogenannten Plus-Irrgarten verhielten. Das ist ein hoch über dem Boden waagerecht angebrachtes Kreuz. Zwei Arme des Kreuzes haben Wände, sodass die Mäuse nicht abstürzen können – zwei Ausläufer nicht. An diese gefährliche Stelle wagen sich nur wenig ängstliche Tiere.

24 Stunden nach dem ersten Angst-Test folgte purer Stress: Die Forscher packten die Käfige samt Bewohnern in die große Voliere einer hungrigen Eule, die mit Fleischstücken zu den Käfigen gelockt wurde. Nach einer von Todesangst geprägten Nacht ermittelten Eilam und Izhar nochmals die individuelle Ängstlichkeit der Tiere. Ergebnis: Alle Mäuse jeder der drei Gruppen waren gleich gestresst. In Kontrollversuchen wurden daraufhin Käfige mit jeweils nur einer Maus dem Eulen-Terror ausgesetzt. In der anschließenden Untersuchung zeigte sich bei jeder der getesteten 30 Mäuse ein persönlicher, jeweils unterschiedlicher Angst-Pegel. Kollektiv erlebte Furcht hat also andere Konsequenzen als die individuell durchlittene.

Die Forscher hoffen mithilfe weiterer Studien auch kollektive menschliche Angstreaktionen besser verstehen zu können. So zeige etwa das Bedrohungsempfinden vieler Amerikaner angesichts von Terroranschlägen eine Tendenz zur Angleichung, die das Wirgefühl der Gruppe verstärke.