INTERVIEW Wildgänse werden immer mehr - Fluch oder Segen?

Steigende Wildgänsezahlen erregen die Gemüter in Deutschland. Gänseexperte und Buchautor Dr. Helmut Kruckenberg klärt auf: über unverhältnismäßige Panik und sinnvolle Lösungen

Dr. Helmut Kruckenberg ist Ornithologe und Autor des Buches "Wilde Gänse - Reisende zwischen Wildnis und Weideland". Er gehört dem Institute for Wetlands and Waterfowl Research (IWWR) e.V. Germany an und leitet seit 1998 das Europäische Blessgans Forschungsprogramm.

Wildgänse werden immer mehr - Fluch oder Segen?

Gänseexperte und Buchautor Dr. Helmut Kruckenberg

GEO.de: Die europäischen Gänsebestände wachsen an. In Deutschland und den Niederlanden fühlen sich Landwirtschaft und Kleingärtner geschädigt, der Flugverkehr beeinträchtigt und seltene Vegetationen bedroht. Ist es nicht eigentlich positiv, dass es immer

Helmut Kruckenberg: Ja, im Prinzip ist das eigentlich auch so gewollt. Die Weißwangengans etwa, über die bei uns viel diskutiert wird, steht unter besonders strengem Schutz durch das Europäische Recht. In den 60er-Jahren war sie – wie fast alle Gänsearten - fast ausgestorben. Mittlerweile haben sich die Bestände wieder erfreulich erholt, da sie unter anderem nicht bejagt werden durfte. Oder nehmen wir die Graugans, die in Westdeutschland und den Niederlanden spätestens seit dem 19. Jahrhundert weitgehend ausgestorben war. Sie wurde zwischen den 60er- und 80er-Jahren vor allem von Jägern gezielt als Brutvogel wieder angesiedelt. Das war ein gutes und erfolgreiches Projekt, denn diese Art gehört ganz klar in unsere Feuchtgebiete.

Wieso birgt das trotzdem ein so hohes Konfliktpotential?

Zunächst entstehen die Konflikte aus einer zumindest gefühlten Konkurrenzsituation: Gänse fressen Gras, ebenso wie Schafe oder Rinder. Manch ein Landwirt fürchtet, durch die Gänse Schaden zu erleiden. Dann sollen die Gänse eben wieder weg. Vor 30 Jahren waren sie schließlich auch nicht da. Das Problem liegt hier eher in unserem Generationengedächtnis: Das, woran wir uns aus unserer Jugend erinnern, bewerten wir als normal. In der Kindheit der jetzigen Elterngeneration waren Gänse fast ausgestorben, daher kommen sie in deren Erinnerung nicht vor. Die Erinnerungen der Großelterngeneration, als Gänse in großer Zahl noch zur natürlichen Fauna gehörten, sind verlorengegangen. Daher führt dieser nun eigentlich natürliche Zustand zu Diskussionen. Allerdings werden die herrschenden Zustände oft wesentlich dramatischer dargestellt, als es eigentlich der Fall ist.

In den Niederlanden wurde mit dem "Ganzenakkoord" (Gänseabkommen) eine radikale Verkleinerung der Gänsebestände und die Ausrottung nicht-heimischer Gänsearten beschlossen. Warum greift man zu so drastischen Maßnahmen?

Die Gründe dafür sind zum Großteil politischer Natur. Für die Landwirte, auf deren Flächen im Winterhalbjahr arktische Gänse rasten, bietet die niederländische Regierung finanziell sehr lukrative Regelungen an: Neben einer Duldungsprämie können die Landwirte zudem noch Schäden geltend machen. Das ganze System kostet sehr viel Geld. Für die heimischen Gänse gibt es dagegen nichts. Insofern hat die Landwirtschaftslobby es hier sehr geschickt verstanden, eine Kampagne gegen die heimischen Gänse zu starten , die vor allem bei den Landwirten großen Anklang findet. In Deutschland haben wir Vergleichbares mit dem Kormoran oder der Rabenkrähe erlebt. Weitgehend ohne wirklichen Nachweis von Schäden wird stetig „Überpopulation“ skandiert und so setzt sich dieser Eindruck letztlich in den Köpfen fest.

Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

In Deutschland ist kein überregionales Problem mit einheimischen Brutvögeln erkennbar. Hier sind es einzelne Populationen, die etwa aus Stadtparks entflogen sind und sich in der freien Landschaft angesiedelt haben. Lokal kann dies zu Problemen mit Landwirten und auch mit Badegästen führen. Doch diese Probleme sind mit relativ einfachen Konzepten vor Ort lösbar - gänzlich ohne Massentötungen. Um die Wintergänse aus der Arktis entstehen insbesondere in der Wattenmeerregion auch immer wieder Konflikte. Gänse sind in erster Linie Grasfresser und suchen gezielt nach Grünflächen. Viele dieser Gebiete wurden aber durch die Industrialisierung der Landwirtschaft und die Energiewende in Mais- und Getreidefelder umgewandelt. Dadurch sind die Nahrungsgebiete der Gänse kleiner geworden, und sie weichen notgedrungen auf Getreidefelder aus, die noch vor 30 Jahren Marschengrünland waren. Im Grunde hätte man staatlicherseits Vorsorge treffen müssen, damit die anwachsenden Populationen auch Nahrung finden. Nun führt diese Fehlsteuerung zu Konflikten. Das Problem dabei stellen aber nicht die Gänse dar, sondern der Grünlandverlust an sich.

Bietet der niederländische "Ganzenakkoord" denn sinnvolle Lösungsvorschläge?

Nein, der Ganzenakkoord weist keine ernsthaften Lösungen auf. Eine generelle Reduktion von Vögeln geht an der Wirklichkeit vorbei. Wichtig wäre es vielmehr gewesen, die Konflikte vor Ort zu prüfen und dann regional zugeschnittene Lösungen umzusetzen. Dies erinnert doch an eine große Bühnenshow. Interessant ist, wer beim Ganzenakkoord beteiligt ist: Initiiert wurde der Ganzenakkoord ja von der Landwirtschafts- und Gartenbaulobby, der Grundbesitzervereinigung, der Forstverwaltung, bemerkenswerterweise einigen Naturschutzflächenstiftungen und dem niederländischen Vogelschutzverband. Die Jäger dagegen haben sich nach kurzer Zeit aus der Diskussion zurückgezogen – aufgrund ethischer Vorbehalte gegenüber der Gänse-Ausrottung. Aber sicherlich auch, weil sie die verheerende Wirkung in der Öffentlichkeit fürchten, wenn man tatsächlich begänne, Gänsefamilien mit flaumigen Küken in großer Zahl in der besten Urlaubszeit abzuschlachten.

Wäre es denn überhaupt noch möglich, die Wildgänse wieder auszurotten?

In einigen Fällen ist das Anliegen aus landwirtschaftlicher Sicht vielleicht nachvollziehbar, aber es ist auch fraglich, ob die Methoden hier wirklich angemessen sind. Bei der Graugans - die ja eine einheimische Vogelart ist - wäre das nach EU Recht gar nicht denkbar. -und wohl auch der deutschen Öffentlichkeit nicht zu vermitteln. Aber selbst bei den Exoten und verwilderten Hausgänsen habe ich große Zweifel, ob eine "Ausrottung" möglich ist. Das ist eher Schattenboxen, also nicht realistisch. Die Dänen haben vor einigen Jahren verkündet, dass sie jede Nilgans, die über die Grenze kommt, abschießen würden. Und die Schweizer haben vor Jahren festgelegt, dass die Rostgans ausgerottet werden muss. Beides hat nicht funktioniert.

Lösungsansätze gehen von einem Fütterungsverbot über Gelegekontrollen wie dem Eierschütteln (durch das die Embryonen abgetötet werden) bis hin zu gezielter Ausrottung durch Abschuss oder Vergasung. Welche Vorgehensweise erscheint Ihnen am sinnvollsten?

Man muss unterscheiden zwischen den Vögeln, die hier brüten, und denen, die andernorts brüten. Die Maßnahmen beziehen sich auf Vögel, die hier brüten. Keiner fährt in die Arktis, um dort Eier zu schütteln. Das würde auch nichts bringen. Ein Fütterungsverbot in Stadtparks und in der freien Landschaft schadet nie. Schließlich sind es wilde Tiere, die sich selbstständig ernähren können. Letztlich müssen wir lernen, den Vögeln gegenüber mehr Toleranz aufzubringen. Sowohl die einheimischen, als auch die arktischen Gänse werden nie ganz verschwinden, aber die Populationen wachsen auch nicht ins Unendliche. So beobachten wir, dass gerade in den letzten Jahren dort, wo viele Graugänse ihre Jungen aufziehen, der Seeadler wieder als Sommer- und Brutvogel zurückkehrt. Fressfeinde, Nahrungsmangel, lange Winter mit spätem Frost, all das sind natürliche Faktoren, die verhindern, dass die Bestände durch die Decke gehen.

In den Niederlanden werden die Gänse am Flughafen eingefangen und getötet, um den Flugverkehr zu schützen. Welche alternativen Ansätze gibt es?

Bei der niederländischen Vorgehensweise weiß niemand genau, ob die getöteten Gänse dieselben sind, die auch den Flugverkehr behindern.

In Deutschland greift man zu anderen Mitteln, um an Flughäfen Großvögel fernzuhalten - hier sind es beispielsweise Kiebitze. Da sie nur Flächen mit kurzem Gras mögen, gestaltet man das Flughafenumland durch langes Gras für die Vögel unattraktiv. Niederländische Studien belegen, dass die extensive Grünlandwirtschaft im Umkreis der Brutplätze die Jungenzahl drastisch sinken lässt. Während auf stark gedüngten Intensivflächen Graugänse bis zu zwölf Junge aufziehen, sind es auf extensiven Fluren oft nur zwei. Die Bewirtschaftung der Flächen ist letztlich der Schlüsselfaktor.

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