Artenvielfalt Ein ungebetener Gast

Tropenkrankheiten kennt man bislang vor allem aus Reiseberichten. Mit der Einwanderung der Tigermücke nach Europa könnte sich dies aber ändern, denn sie bringt die gefährlichen Erreger auch zu uns

Ihren spektakulärsten Fund machte Paola Angelini in der Wohnung einer Freundin in Bologna. Das Apartment war mit Zimmerpflanzen dekoriert, darunter auch Bambusstauden, wie sie Einrichtungshäuser vertreiben, und deren Wurzeln oft mit stehendem Wasser überdeckt sind.

Gedankenverloren betrachtete Angelini, Bio login und Insektenspezialistin vom Gesundheitsamt der italienischen Region Emiglia-Romagna, die Flüssigkeit in den Gewächstöpfen. Als sie die Bewegungen winziger wurmartiger Wesen ausmachte, war sie hellwach. "Du züchtest ja Tigermücken!", warnte sie die Freundin. Doch die wusste nicht einmal, dass Mücken aus harmlos aussehenden Larven schlüpfen. "Die Dinger da? Die stechen doch gar nicht!" Paola Angelini ist leitende Mitarbeiterin einer Eingreiftruppe, die gegen das eingeschleppte Tropeninsekt vorgeht. Jedes Frühjahr verteilen sie und ihre Mitarbeiter Tausende "Eierfallen" in der Po-Ebene, um abzuschätzen, wie stark sich die Stechinsekten ausgebreitet haben.

Ein ungebetener Gast

Die Tigermücke ist sehr anpassungsfähig. Ihre Eier deponiert sie in Blumentöpfen und Kanalisationen

Neue Heimat Europa

Die Tigermücke, Aedes albopictus, stammt aus Südostasien, aus feuchtheißen Regionen Thailands, Vietnams und Burmas. Sie ist eine jener Arten, die sich mit dem Welthandel über den ganzen Globus verbreiten. Zuerst tauchte Aedes in Afrika auf, dann verteilte sie sich über den amerikanischen Kontinent und gelangte schließlich nach Europa. Da die Winter hier durch den Klimawandel milder werden, vermag sie zu überdauern und bildet nun auch eigene europäische Populationen.

"In Italien haben wir die Art erstmals 1998 entdeckt, in winzigen Wasserpfützen, die sich in einer Lieferung Autoreifen im Hafen von Genua gebildet hatten", berichtet Angelini. Der sirrende Sauger ermöglicht auch allerhand unerwünschten Mikrospezies den Eintritt in die gemäßigten Breiten: Er überträgt in Europa bislang unbekannte tropische Viren wie die Erreger des Dengue-, West-Nil- oder Chikungunyafiebers auf den Menschen. Der Ernstfall trat im Sommer 2007 in Norditalien ein. "Hier sterben alle, und keiner tut was", keuchte damals ein Rentner aus dem Nest Castiglione di Cervia bei Ravenna ins Telefon der Ambulanz. Erst durch die italienisch-emotionale Übertreibung kam das Gesundheitssystem in Bewegung. Der Landarzt hatte "Sommergrippe" diagnostiziert - während unter der Bevölkerung von Castiglione eine Chikungunya- Epidemie um sich griff. 270 Menschen waren am Ende betroffen.

Krankheitsüberträger im Stand-by-Modus

Eingeschleppt hatte das Leiden ein Reisender aus Indien. Sobald die Überträger-Insekten vorhanden sind, kann ein einziger Infizierter aus Übersee auch in Europa eine Epidemie auslösen. Nach der Chikungunya-Epidemie 2007 in Italien haben eingeschleppte Mücken auch in anderen europäischen Ländern tropische Krankheiten verbreitet - vor allem Denguefieber. 2010 übertrugen Tigermücken die Tropenkrankheit im südfranzösischen Nizza und in Kroatien von Mensch zu Mensch, 2012 auf der Atlantikinsel Madeira. Derzeit reist Aedes vor allem entlang der Autobahnen nach Norden. Demnächst wird die Mücke wohl den Sprung über die Alpen schaffen. Einzelne Exemplare wurden inzwischen in Deutschland gesichtet, sagt Ulrich Kuch vom Forschungszentrum "Biodiversität und Klima" der Universität Frankfurt am Main. Sobald mit steigenden Temperaturen günstige Vermehrungsbedingungen herrschen, könnte Aedes zum Alltag werden: "Viele Krankheitsüberträger befinden sich im Stand-by-Modus." Cyril Caminade von der Universität Liverpool prognostiziert, dass die gefährliche Mücke um das Jahr 2030 fest zur deutschen Insektenwelt gehören wird. Manche sehen in Mitteleuropa bereits einen Hotspot tropischer Fieberkrankheiten entstehen.

Denn das Insekt überrascht immer wieder mit seiner Anpassungsfähigkeit. Anders als die Gemeine Stechmücke Culex pipiens genügen Aedes schon winzige Nässe-Reservoirs, um ihre Eier zu deponieren - Unter setzer von Blumentöpfen, Falten in Bootsplanen oder die Flüssigkeitsrückstände in der städtischen Kanalisation. Die Eier können sogar Trockenphasen überstehen. Das geschlüpfte Insekt selbst fliegt auf der Suche nach seiner Blutmahlzeit nur wenige Meter. Im Prinzip kann sich der ganze Fortpflanzungszyklus in einer unaufgeräumten Küche abspielen. "Die Tigermücke ist eine urbane Spezies", sagt Paola Angelini. Kein Peiniger in feuchten Wiesen, sondern ein Quälgeist in den Metropolen."

Angelini hält es für ausgeschlossen, dass Aedes aus Europa je wieder verschwinden wird. "Eine große Epidemie können wir nur verhindern, wenn wir die Übertragungskette so häufig wie möglich stören." Und das heißt mindestens: keine wassergefüllten Blumentöpfe im Wohnzimmer aufzustellen.