Kaiserpinguine Nestwärme im ewigen Eis

Kein anderes Wirbeltier gründet Familien unter derart lebensfeindlichen Bedingungen wie der Kaiserpinguin: in der kältesten Zeit des Jahres, auf dem kältesten Kontinent der Erde, der Antarktis. Und das ist längst nicht die einzige unglaubliche Leistung dieses bewundernswerten Frostexperten

Seit Wochen horcht er hinaus in die heulende Eiswildnis. In letzter Zeit spürt er immer häufiger den Impuls, aufzugeben. Noch harrt er aus - wie die Vogelmänner neben ihm und vor ihm und hinter ihm, wie die gesamte Kolonie der Kaiserpinguine auf dem Meereis vor Coatsland, am Ostrand des Weddellmeers. Etwa tausend werdende Väter stehen hier seit Monaten auf dem Eis und wiegen ihr Jüngstes auf den Fußrücken, nur Zentimeter über dem Kältetod. Während um sie her die Temperatur der südlichen Polkappe bis auf minus 60 Grad Celsius fällt, sorgen die Vögel mit ihrer Körperwärme dafür, dass ihr Nachwuchs verlässlich bei plus 37 Grad Celsius heranreift.

Nestwärme im ewigen Eis

Ab einem bestimmten Alter werden die Jungen von beiden Eltern gleichzeitig zur Nahrungssuche verlassen, müssen jeweils eine Woche lang auf Fütterung warten. Wichtig dann: Jedes Pinguinkind muss den melodischen Code der Eltern beherrschen, zur Identifikation

Unter seiner Bauchfalte, wo ein Ei sich an die ungefiederte Haut schmiegt wie an eine Heizdecke, spürt der Pinguinmann das ungeborene Leben. Schon seit Tagen rumort der Winzling in seinem Kalkgehäuse und pickt von innen gegen die Hülle. Als der Kleine mit kräftigem Schnabeldruck ein Fenster in die Schale bricht, horcht der Vater auf. Wieder hat ihm der Sturm einen Ruf zugeworfen, und diesmal gibt es für ihn keinen Zweifel mehr: Sie muss es sein. Die Partnerin, die er hier vier Monate zuvor umworben und begattet hat, die Mutter des soeben geschlüpften Vogelkinds kehrt zu ihm zurück. Er reckt den Nacken und wendet den Kopf dorthin, wo, kaum sichtbar in der Schraffur des treibenden Schnees, eine Gestalt heranschwankt.

Der Moment des Wiedersehens

Jetzt ist er endlich da, der Augenblick, auf den der Kaiserpinguin gewartet hat. Unter den vielen, wohlgenährten Frauen, die singend die Kolonie der ausgemergelten Männer durchsuchen, hat er seine Partnerin herausgehört. Ihr Lied und ihre Stimme sind für ihn unvergesslich seit der Zeit ihrer ersten Liebe, als sie einander im Wechselgesang kennengelernt haben. Silbe für Silbe haben sie damals immer wieder geübt und dabei mit beiden Seiten ihres Kehlkopfs unterschiedliche Schwingungen erzeugt. Dieser zweistimmige Klang gibt den Lauten des Partners jene unverwechselbare Signatur, an der die Paare einander unter Zigtausend ebenfalls singenden Artgenossen erkennen.

Immer wieder stößt seine Frau den vertrauten Ruf aus; als sie in seine Nähe kommt, gibt der Kaiserpinguin seine melodische Antwort. Wie angewurzelt hält sie inne, macht ein paar kleine Schritte auf ihn zu und wird auf einmal ganz still. Minutenlang bleibt sie so versunken wie er, in den Augenblick des Wiedersehens. Als sie den Kopf senkt und das Kleine unter seiner Brutfalte entdeckt, ist es vorbei mit dem Zögern. Sie will endlich fühlen, dass sie Mutter ist, und bedrängt ihren Partner, ihr den Kleinen zu übergeben. Beinahe widerwillig hebt der Kaiserpinguin schließlich den Wulst und entlässt den Winzling ins Freie, von wo seine Frau ihn blitzschnell in die Umarmung ihrer eigenen Wärmetasche bugsiert.

Drei wichtige Erfahrungen macht das Küken beim Wiedersehen seiner Erzeuger: Erstens lernt es seine Mutter kennen. Zweitens schmeckt es seinen ersten Fisch, den die Mutter im Magen zur Kolonie transportiert hat. Solange Kaiserpinguine ihr Junges füttern, ist das Organ zur Speisekammer umfunktioniert. Die Verdauung ist vollständig blockiert. Eltern fasten bei vollem Magen. Drittens erhält das Kleine seine erste, prägende Gesangsstunde. Es muss die Frequenzen seiner Eltern aus denen aller anderen Artgenossen in der Kolonie heraushören lernen.

Nestwärme im ewigen Eis

Hier gibt's die Babynahrung. Es sind die Pinguinmütter, die den Fischbrei anrichten, halb verdaut in ihren Mägen zu den Brutstätten bringen, dort ihrem Nachwuchs vorsetzen. Wenn er denn noch lebt. Denn der Partner, der das Kleine behütet und dabei fastet, gibt manchmal auf, wenn seine eigenen Fettreserven unter ein lebenswichtiges Minimum fallen

Zunächst wechseln Mutter und Vater sich bei der Brutpflege ab. Mal wärmt der eine Vogel das Jungtier und füttert es mit den Reserven aus seinem Magen, während der Partner neue Nahrung heranschleppt. Dann werden die Rollen getauscht. Jedes Mal, wenn die Familie kurz wieder vereint ist, findet die gleiche Zeremonie statt: Der Heimkehrende sucht und ruft. Der Babysitter antwortet und lässt sich finden. Beide stimmen einen Freudengesang an. Dabei verpassen sie ihrem Küken jedes Mal einen Auffrischungskurs in Sachen Erkennungsmelodie.

Der ewige Kampf gegen den Hunger

Dank der proteinreichen Verpflegung wachsen die Jungvögel rasch. Nach etwa 50 Tagen passen sie unter keine Bauchfalte mehr. Aber ihre dichte Daunenhülle hält mittlerweile so warm, dass sie umherlaufen können und sich mit den anderen Küken zusammenrotten. Schneestürmen und den tiefen nächtlichen Temperaturen begegnen die Kleinen nach dem Vorbild der Großen: mit der klassischen Kuschelstrategie. Die Sonne schiebt sich allmählich höher über den Horizont. Das Packeis kracht, Schollen wölben sich ächzend. Spalten brechen auf, und ausgedehnte kristalline Landschaften lösen sich von der Eiskante und treiben davon. Ab Oktober ziehen beide Eltern gleichzeitig los, um gemeinsam den Hunger ihres Kindes zu stillen. Die milderen Temperaturen lassen die Distanz zum Meer dahinschmelzen und verkürzen den Transportweg.

Im Acht-Tage-Takt werden die Kleinen nun mit Fisch abgefüllt. Pro Mahlzeit verschlingen sie bis zu einem Drittel ihres eigenen Gewichts. Tauchen Mütter oder Väter schwer beladen am Rand eines Kindergartens auf, wo Hunderte grau beflaumter Küken dösend beieinanderstehen, genügt ein kurzer Ruf. Schon hebt sich ein Kopf aus der Masse der Jungvögel. Das Kind hat sich den melodischen Code der Eltern gemerkt, den Schlüssel zum Babybrei in ihrem Bauch. Heftig mit den Flügeln schlagend, kämpft es sich durch das Gedränge der Artgenossen, um sich seine Mahlzeit abzuholen.

Enorme Reiseleistung

Pro Brutsaison pendeln Kaiserpinguin-Paare etwa 16-mal zwischen Ozean und Kolonie. 2000 Kilometer kommen allein auf dem Eis zusammen. Im Meer, wo sie nach Beute jagen, dürfte die Strecke drei- bis viermal länger sein. 45 Kilogramm Fisch schaffen die Eltern über diese Entfernungen herbei - genug Rohstoff, um aus ihrem Winzling mit einem Schlüpfgewicht von 200 Gramm innerhalb von fünf Monaten einen strammen Jungvogel zu machen. Ist die Kükenentwicklung perfekt abgestimmt auf das mit dem Sommer einsetzende Tauwetter, hält der Brutplatz gerade so lange zusammen, wie der Nachwuchs braucht, um die Daunen abzustreifen und mit einem Sprung in die antarktischen Wellen die Seetüchtigkeit seines Gefieders zu erproben.

Doch so glatt läuft es nicht jedes Jahr. Die Antarktis ist ein Kontinent mit vielen Variablen, und jede Abweichung vom Mittel kann katastrophal enden. Pinguine kommen um, weil der Eispanzer zu dünn oder weil er zu breit ist; weil katabatische Winde das Fundament aus dicht gepackten Schollen spalten und Brutplätze auflösen; weil die Schmelze zu früh einsetzt; weil Gletscher in Fahrt geraten und Kolonien den Weg zu ihren Polynias abschneiden und damit ihrer Futterquelle berauben; weil Lawinen und Eisblöcke auf eine Population hinabstürzen. 80 bis 90 Prozent jedes neuen Jahrgangs überleben den ersten Geburtstag nicht. Und es gibt eine neue Gefahr.

Der lange Arm des Klimawandels

Die globale Erwärmung wird die Welt dieser Vögel verändern. So lautet die Botschaft aus Langzeitsimulationen und Hochrechnungen. Darüber, wann und wie hart es die Kaiserpinguine treffen wird, steht das letzte Wort noch aus. Klar scheint, dass nördlich des 70. Breitengrads Süd keine Eisplattform mehr entstehen wird, die zehn Monate lang als stabiler Brutplatz taugt. Damit verschwinden die Hälfte der heute existierenden Kolonien und, so die Ankündigung von Experten, 40 Prozent der gesamten Kaiserpinguin-Population.

Was sich wissenschaftlich nicht messen, wohl aber einkalkulieren lässt, ist die Zähigkeit dieser Vögel. Die heute lebenden Kaiserpinguine sind mit Eigenschaften ausgestattet, die Jahrmillionen von Tests durchlaufen haben. Jeder einzelne Vogel ist darauf trainiert, die Wut der Elemente ebenso wegzustecken wie Veränderungen in seinem Lebensraum. Die mit der Klimaerwärmung heraufziehende Not wird sie herausfordern, sich wieder etwas einfallen zu lassen: So zeigen aktuelle Satellitenaufnahmen vier auf das antarktische Schelfeis umgezogene Kolonien. Dazu mussten die Vögel eine Dutzende Meter hohe Eiskante erklettern, denn zum Brutbeginn hatte sich nicht genügend Meereis gebildet.

Lesen Sie den ganzen Artikel in GEO Nr. 3/2014.

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