Tierwelt Elefanten, die Trauer tragen

Afrikanische Elefanten spielen mit den Knochen skelettierter Artgenossen und halten an Kadavern Totenwache. Trauern die grauen Riesen wie Menschen?

In kenianischen Nationalparks tragen die Stars der Savanne Menschennamen. Die Geschichten der trauernden Elefanten lassen sich so viel besser erzählen. Es sind die Geschichten von Eleanor, Grace, Flores und Eudora - und die von Flores beginnt mit ihrem Tod.

Die Geschichte von Flores und Eudora

Die Elefantenkuh starb, 40 Jahre alt, im Amboseli-Nationalpark an Herzversagen. Die vermeintliche Trauergesellschaft, die nach dem Tod des Rüsseltieres beobachtet wurde, ist eine der wenigen, die je gefilmt wurde: Leitkuh Eudora und ihre Herde versammeln sich mit schlackernden Ohren rund um den Kadaver, ein junger Elefantenbulle will Flores zum Aufstehen bewegen, knufft sie mit seinen Stoßzähnen, tritt sie - nur beinahe zärtlich - mit Füßen. Verhaltensforscher folgern: Der Bulle und die Kühe trauern um Flores.

Forschungsobjekt Elefant

Emotionen sind ein Selektionsvorteil. Darwin argumentierte bereits in seiner Evolutionstheorie, dass Gefühle wie Angst, Wut und Überraschung die Überlebenschance einer Spezies deutlich erhöhen. Deshalb, so der Naturforscher, hätten sie sich evolutionär ausgebildet.

Ob Afrikanische Elefanten (Loxodonta africana) tatsächlich Emotionen empfinden können, ist nicht sicher. Ihr Gehirn weist jedoch ausgeprägte Strukturen eines limbischen Systems auf - des Areals, das für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist. Außerdem gelten die grauen Riesen als klug, haben ein gutes Gedächtnis und verhalten sich besonders sozial. Diese Hinweise auf eine emotionale Intelligenz wurden in verschiedenen Studien bereits belegt.

Das Leben der Amboseli-Elefanten beispielsweise wird seit Jahrzehnten aufwändig dokumentiert. Die US-Amerikanerin Cynthia Moss hat 1972 am Kilimandscharo das "Amboseli Elephant Research Project" (1972) initiiert. Teammitglieder und Wissenschaftler aus aller Welt beobachten seitdem jeden Tag das Leben der 1500 Elefanten im Park: Sie notieren Wanderbewegungen, Geburts- und Todestage. Sie sammeln Kotproben für Genanalysen, analysieren die Sozialstrukturen der Herde und das Verhalten der Dickhäuter. Alle Tiere sind katalogisiert und diejenigen, die die Forscher besonders häufig sehen, tragen Namen. Genau wie Eleanor und Grace, die Elefantinnen aus einem anderen Nationalpark.

Die Geschichte von Eleanors Totenwache

Die Geschichte von Eleanor, Grace und ihrer Herde erzählen GPS-Signale. Ebenfalls in Kenia, diesmal im Samburu Nationalpark, brach die Mutterkuh Eleanor nach einem Schlangenbiss zusammen. Eine Nacht lang versuchte die Elefantin Grace ihre nicht-verwandte Artgenossin auf den Beinen zu halten, richtete sie mit den Stoßzähnen immer wieder auf. Vergebens. Die Kuh starb.

Der britische Biologe Ian Redmond erfasste zu der Zeit die Wanderungsbewegungen der Tiere mit GPS-Sendern. Deren Signale belegen: "Tag für Tag kamen die Elefanten in der Mittagshitze zum Kadaver und hielten Totenwache", so Redmonds Bericht. Abends jedoch wanderten die Dickhäuter teilweise bis zu acht Kilometer weit, um Futter zu finden. Am nächsten Morgen marschierten sie acht Kilometer zurück zu der toten Eleanore. Mit einem elefantischen Durchschnittstempo von fünf Stundenkilometern.

Gefühle sind nicht nachweisbar

Forscher wie Moss und Redmond schlussfolgern aus solchen Verhaltensmustern, dass Elefanten "eine dem Menschen ähnliche Fähigkeit zu Mitgefühl" haben – und berichten von weiteren Hinweisen auf eine hohe emotionale Intelligenz der Tiere: Elefanten beschnüffeln Kadaver, an denen sie auf Wanderschaft vorbeiziehen. Sie spielen mit deren Skeletten oder tragen die Knochen manchmal tagelang mit sich. Im Chobe-Nationalpark in Botswana wird gar erzählt, dass (wohlgemerkt namenlose) Dickhäuter die Körper toter Artgenossen vor Raubtieren und Aasfressern beschützt haben.

Doch ist das tatsächlich ein Beweis für Trauer? Einige Wissenschaftler zweifeln daran und werfen ihren Kollegen vor, die menschliche Gefühlswelt auf die Tiere zu projizieren. Einen Beleg für trauernde Elefanten gebe es nicht. Der plötzliche Tod eines Artgenossen könnte die Dickhäuter auch einfach verwundert oder überrascht haben. Gefühle sind schlicht nicht nachweisbar.

Die Geschichte eines Elefanten ohne Namen

In dieser letzten Erzählung gibt es keinen Namen: Als im Januar 2006 in Kenia ein Bus einen jungen Elefanten rammt und er mitten auf der Autobahn reglos liegen bleibt, dreht seine Herde durch. Rund 30 Tiere stürmen auf die Fahrbahn, einige laufen drohend auf den Bus zu, während andere versuchen, das Kalb mit ihren Stoßzähnen von der Straße zu schieben. Die Schnellstraße ist stundenlang blockiert, die Menschen müssen im Bus und ihren Autos ausharren bis es einigen Wildhütern gelingt, die Dickhäuter zu vertreiben. Allein der Kadaver bleibt zurück.

Mit dem Skelett des kleinen Elefanten spielt heute kein Artgenosse: Die Einwohner der von einer Dürre geplagten Region zerlegten den Körper und teilten das Fleisch untereinander auf.