Bärtierchen: Monster im Miniformat

Dieses Bärtierchen der Art Macrobiotus sapiens ist nicht wieder lebendig zu machen. Es wurde für die Aufnahme präpariert - im Moos, seinem Habitat

Bärtierchen: Gut gepanzert

Dornen auf dem Körperpanzer – mit seinem Outfit übersteht Echiniscus granulatus sogar Temperaturen von 90 Grad Celsius

Bärtierchen: Starker Halt

Seine spitzen Krallen braucht das Kleinsttier vor allem, um im Moos Halt zu finden

Bärtierchen: Nicht Säuge-, aber Saugetiere

Wie ein aufgeblasender Papierbeutel wirkt dieses Bärtierchen. Aus dem Mund hängt ihm Nahrung. Bärtierchen saugen ihre Nahrung auf

Bärtierchen: Gesicht oder Staubsauger?

Der Lamellenkranz am Mund ähnelt einem Staubsaugeranschluss. Nicht auf der Aufnahme zu erkennen sind die primitiven, in die Haut eingelassenen Augen über dem Mund, die Lichtrichtung und Helligkeit regi strieren. Die Rasterelektronenmikroskopie stellt sie nicht dar, weil sie nur die Oberfläche von Objekten abtastet

Bärtierchen: Chic in Schale

Viele Bärtierchen-Eier wirken wie kunstvoll ornamental verzierte Kugeln

Bärtierchen: Ausbuchtungen zur Feindabwehr

Mit ihren Ausbuchtungen und Widerhaken an der Oberfläche bleiben die Eier gut im Moos hängen und machen es Fressfeinden schwerer, an den Inhalt zu gelangen

Bärtierchen: Veteran

Bärtierchen können zwar einige »Tode« sterben, die aktive Lebensspanne währt aber höchstens ein paar Monate. Bei diesem Exemplar zeichnen sich deutliche Alterungsspuren auf der Haut der Beine ab

Bärtierchen: Krallen aus Chintin

Die Krallen gehören zu den Unterscheidungsmerkmalen von Bärtierchen. Sie bestehen aus Chitin, so wie die schrundige Kutikula, die Schutzschicht über der Haut

Bärtierchen: Wohngemeinschaft

Die Schutzschicht der Bärtierchen bietet einer Bakterienflora Platz. Im Tier- und Pflanzenreich dienen auch kleine Lebewesen immer noch kleineren Kreaturen als Lebensraum

Bärtierchen: Überlebenskünstler

Zusammengefaltet, scheintot – als »Tönnchen« sind Bärtierchen fast unverwüstlich und für Ferntransporte per Wind geeignet

Bärtierchen: Robuste Erbgutträger

Die Eier der Bärtierchen sind ebenfalls kaum zu zerstören. Auch wenn ihr filigranes Äußeres anderes vermuten lässt

Sie sehen aus wie aus einer anderen Welt: Eine Gestalt, die einem zerknautschten Staubsaugerbeutel ähnelt. Krallen wie ein Adler. Und Eier, wie von einem Designer mit Hang zu Kugelkitsch entworfen. Den etwas neckischen Namen Bärtierchen verdanken die kleinen Wesen einem Quedlinburger Pfarrer namens Goeze, der statt in die Bibel in ein „Vergrößerungsglas des Leipziger Optikus Hoffmann“ schaute, ein achtbeiniges Krabbelwesen entdeckte und es anno 1773 „Kleiner Wasserbär“ taufte.

Inzwischen sind mehr als 960 Arten bekannt. In Noahs Arche hätten sie leicht Platz gefunden, die kleinsten winzig wie ein feines Sandkorn, die größten gerade so groß wie ein Stecknadelkopf. Kein Herz, keine Lunge. Durchsichtiges „Blut“ schwappt frei durch den Leib; zur Atmung genügt Gasaustausch über die Haut. Dieses Sparprogramm hat genügt, um die ganze Welt zu besiedeln. Bärtierchen , zoologisch Tardigrada, Langsamschreiter, genannt, reisen mit dem Wind, auf Vogelfedern, mit Wasserströmungen, auf Algen. So haben sie Biotope erobert, vor denen es anderen Lebewesen zu Recht schaudert: 6000 Meter hohe Himalaya-Berge, den Boden der Ozeane in 4500 Meter Tiefe, heiße Quellen in Japan, Gletscher in Grönland. Besonders aber lieben sie Moos. Krallen finden dort guten Halt; und es gibt Pflanzenzellen und Kleinsttiere im Überfluss, die sich bequem aus- oder aufsaugen lassen.

Sterben als Überlebensstrategie

Krabbeln, fressen und verdauen können Tardigrada allerdings nur, solange ein dünner Wasserfilm sie umhüllt. Was, wenn das Moos austrocknet? Statt auf Flucht setzen die Bärtierchen auf Harakiri – sie lassen es zu, ebenfalls auszutrocknen. Alle Körperflüssigkeit schwindet, übrig bleiben faltige Klumpen, sogenannte Tönnchen.

Ein bitteres Ende? Keineswegs. Mit ihrer Verwandlungsstrategie lehren Bärtierchen Gläubige wie Ungläubige Demut. Sie beherrschen einen Zaubertrick: die regelmäßige Auferstehung von den Toten. Irgendetwas, Goeze hätte es vielleicht Seele genannt, erlaubt ihnen, nicht nur Tage, sondern Monate oder Jahre im Zustand der „Anhydrobiose“ zu verharren und auf Nahrung und ihr Lebenselixier Wasser zu verzichten. Bis ein paar Tropfen von besserer Zukunft künden – und ein paar Minuten später das nächste Leben beginnt.

Unverwüstlich, auch im All

Wie kann Leben bei vielzelligen Tieren ohne jeglichen Stoffwechsel fortdauern? Forscher sind fasziniert von diesem Geheimnis. Sie setzen die zähen Wunderwesen immer neuen Martyrien aus. Und siehe – die robustesten trotzen Temperaturen von 100 Grad Celsius und Radioaktivität. Auch der kosmischen Strahlung und dem Vakuum im All? 2008 umkreisten Bärtierchen in einer geöffneten Kapsel zehn Tage den Planeten Terra. Kehrten zurück, zunächst als leblose Säcke. nach der Wasserkur dann als Helden – erstmalig hatten Tiere schadlos einen "Weltraumspaziergang“ überlebt.

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