Biohof

Jürgen Meyers Schweine sind die Ausnahme: Der Bio-Anteil an der Schweinefleischproduktion in Deutschland liegt bei nicht einmal einem Prozent

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Die Frühstückseier kommen von "glücklichen" Hühnern. Im Winter sind es nicht so viele, weil die Hennen nicht durch künstliche Beleuchtung zum Eierlegen gedrängt werden

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Weil die Kühe im Winter nicht auf der Weide grasen können, müssen sie sich mit dem Laufstall begnügen. Es gibt Schlimmeres: etwa Vollspaltenböden und Anbindehaltung

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Bei Bauer Meyer dürfen Sauen und Ferkel nach der Geburt zusammenbleiben

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Biobauer aus Überzeugung: Jürgen Meyer

"Ein paar Dinge anders machen"

Die Gegend um Sulingen im Landkreis Diepholz ist sanft wellig; Birken säumen die Alleen, auf riesigen Äckern steht jetzt, Anfang März, der Winterweizen. Fingerlang, in Reih und Glied. Nur hier und da unterbrechen kleine Waldstücke die stille niedersächsische Monotonie. Die Natur - oder was davon übrig ist - liegt noch im Winterschlaf. Die Wolken hängen tief, ein Hauch von Gülle liegt in der Luft.

In keinem anderen Bundesland wird Landwirtschaft so intensiv betrieben wie hier, nirgendwo gibt es mehr Massentierhaltungsbetriebe. Fast ein Drittel aller deutschen Schweine drängt sich in den Mästereien des Landes. In Wietze, 50 Kilometer östlich von hier, entsteht Europas größter Geflügelschlachthof. Samt Hunderten von Hähnchenmastbetrieben, die den Schlachthof rund um die Uhr beliefern. Effizienzmaximierung auf Deutsch.

Jürgen Meyer ist einer der wenigen Bauern in dieser Gegend, die es anders machen. Er ist Biobauer. Den Hof im 100-Seelen-Dorf Stehlen, südlich von Sulingen, bewirtschaftete schon sein Urgroßvater. Auf den ersten Blick sieht der Hof aus wie viele Höfe hier. Trotz der Neu- und Umbauten ist der Grundriss des traditionellen niedersächsischen Hallenhauses noch zu erkennen: vorne die Wohnräume, hinten Ställe. Hofhund Kimba, ein Golden Retriever, begrüßt uns auf dem Vorhof stürmisch.

Unten wohnen Jürgen Meyers Eltern. Eine Wendeltreppe führt ins ausgebaute Dachgeschoss. Das teilt Meyer sich mit seiner Lebensgefährtin Nicole Thomson und drei Kindern. Die gelernte Sozialpädagogin kam vor fünf Jahren auf den Hof. Und brachte nicht nur zwei Kinder aus erster Ehe mit, sondern auch ihre eigenen Vorstellungen von Landwirtschaft und vom Umgang mit Tieren. Seither gibt es auf dem Hof nicht nur rund 100 Milchkühe und Kälber und 100 Schweine und Ferkel, sondern auch ein Pferd und zwei Ponys, drei Hunde, etliche Katzen und Kätzchen, Kaninchen und zehn Hühner. "Das gehört für mich einfach dazu", sagt Nicole Thomson. Mit ihrer Tierliebe bestärkte sie ihren Lebensgefährten in seiner Überzeugung, dass er "ein paar Dinge anders machen" müsse.

Meyer wuchs im Dorf auf, erlernte ganz selbstverständlich eine Landwirtschaft, die man damals noch nicht "konventionell" nannte. Tierschutz oder Ökologie wurden vor dreißig Jahren weder im Elternhaus noch im Dorf diskutiert. Doch irgendwann wurde der heute 49-Jährige skeptisch. Die Gesundheit seiner Milchkühe machte ihm Sorgen. Die Milchleistung stimmte zwar. Doch die Fälle von Euterentzündungen häuften sich, ebenso der Einsatz von Antibiotika. "Wenn die Tiere krank waren, sind sie mir auch gleich gestorben. Der Tierarzt kam immer öfter. Damit konnte und wollte ich nicht leben," sagt Meyer.

Also begann er vor etwa zehn Jahren, sich mit alternativen Heilverfahren zu beschäftigen. In einem Seminar der Landwirtschaftskammer lernte er die Grundlagen der Homöopathie, beschäftigte sich später auch mit sensitiver Radionik. Krankheit als Störung des Energiefeldes? Heilung mit speziellen elektromagnetischen Schwingungen? "Das hört sich abenteuerlich an", sagt Nicole Thomson, mit einem entschuldigenden Unterton, "aber es funktioniert".

Wertschätzung ist wichtig

Dass Meyer anfing, anders über Tierhaltung und Landwirtschaft zu denken, fiel auf im Dorf. "Die haben schon gekuckt: Was macht er jetzt schon wieder? Allein für die Homöopathie wirst du ja belächelt", sagt er. Andere Wege zu gehen, mit Kräutertees und Globuli, war hier nicht erwünscht. "Das ist Cliquenwirtschaft, wie in jeder Branche. Aber das war mir egal", sagt Jürgen Meyer, ganz ruhig. Und so, wie er dasitzt, mit vor dem Bauch gefalteten Händen, schulterlangen rotblonden Haaren und leutseligem Blick, glaubt man es ihm sofort.

Der intensive Umgang mit den Tieren brachte Meyer auf die Frage, was in ihnen vorgeht. Wie sie wahrnehmen und empfinden. Er verstand, "dass die Schweine schon mitbekommen, wenn sie zum Schlachter gehen". Der gute Umgang mit den Tieren war dann nur noch eine logische Konsequenz, die Entscheidung für "bio" folgerichtig. "Wertschätzung" ist ein Begriff, der an diesem Nachmittag noch öfter fällt. Dabei geht es Jürgen Meyer und seiner Lebensgefährtin nicht nur um die Wertschätzung der Tiere. Es geht auch um die Wertschätzung der Pflanzen, des Ackerbodens, der Endprodukte, der Arbeitskraft.

Und noch etwas gab den Ausschlag. "Als ich 2007 anfing, ging das Höfesterben hier in der Gegend richtig los." Wachsen oder weichen war damals wie heute das Motto. Aber im industriellen Stil weitermachen, das wollte Meyer nicht. "Die haben hier, besonders im Kreis Diepholz, Ställe aus dem Boden gekloppt ohne Ende, da musst du von einem Ende bis zum anderen mit dem Fahrrad fahren. Mit Tausenden von Tieren drin." Um sich wirtschaftlich über Wasser zu halten, haben viele Bauern Biogasanlagen errichtet. Viele mussten aufgeben, fahren jetzt zum Beispiel Gabelstapler im Baumarkt in der Stadt, erzählt Nicole Thomson. Von sieben landwirtschaftlichen Betrieben im Dorf sind nur zwei übrig.

Meyer schloss sich dem Bio-Erzeugerverband Naturland an und ließ sich erst einmal eingehend beraten. Da mussten Prämien beantragt, Umbauten geplant werden. Die Richtlinien des zweitgrößten deutschen Bio-Erzeugerverbands sind streng. In vielen Punkten gehen sie über die EG-Bio-Verordnung weit hinaus.

Auf 110 Hektar Land muss Meyer nun mehr als die Hälfte des benötigten Tierfutters selbst anbauen. Auf 70 Hektar lässt er Futtergetreide wie Silomais, Erbsen, Leguminosen und Lupinen wachsen. Alles bio, versteht sich, ohne Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden und Dünger. Das Unkrautjäten übernimmt nun der Striegel, rein mechanisch, eine ausgeklappt zwölf Meter breite Maschine. Das restliche Futter kauft er hinzu - ebenfalls aus biologischer Erzeugung. Auf das tiefe Pflügen verzichtet Meyer ganz. Ist besser für den Boden.

Die verbleibenden 40 Hektar sind Weideland. Bis zu 200 Tage im Jahr grasen die Kühe draußen, ohne dass zugefüttert wird. Die Zahl seiner Tiere richtet sich jetzt nach der Größe seiner Grünlandfläche. Denn im Sinne eines geschlossenen Stoffkreislaufs sollen die Tiere auf dem Hof nur so viel Gülle und Mist produzieren, wie Meyers Land aufnehmen kann.

Die Wintermonate verbringen die Kühe in einem geräumigen Laufstall. Denn gemäß den Richtlinien des Naturland-Verbandes müssen die Tiere ausreichend Platz haben, um "arteigenes Verhalten auszuleben". Was "ausreichend" ist, regeln die Naturland-Richtlinien genau, für jede Tierart und jede Altersstufe. Milchkühe etwa sollen im Stall mindestens sechs Quadratmeter Platz haben - pro Tier. Zweimal täglich streut Meyers Mitarbeiter Hendrik Bormann frisches Stroh ein, damit die Tiere nicht im eigenen Dreck stehen oder liegen.

Besuch im Schweinestall

Zwei Jahre nach der Umstellung der ersten Flächen konnte Meyer seine erste Biomilch und seine ersten Bio-Schweine verkaufen. Den ganzen Betrieb, Ställe, Maschinen, Buchführung, die Lieferscheine, Rechnungen und Zertifikate sieht sich einmal im Jahr ein unabhängiger Prüfer an.

Wir besuchen den Schweinestall. Der liegt 300 Meter abseits in der Feldmark. "Letztes Jahr hat es bei den Schweinen gebrummt", sagt Meyer und meint damit die Erlöse. Da hatte er noch 480 Mastschweine gleichzeitig im Stall. Er kaufte sie mit einem Gewicht von 25 Kilo und verkaufte sie nach etwa drei Monaten mit 120 Kilo. So konnte er jedes Jahr 1000 Schweine verkaufen. Jetzt allerdings ist der Futterpreis zu hoch. Zurzeit sind nur etwa 100 Tiere im Stall, Sauen mit ihrem Nachwuchs, ein paar Eber und drei Ungarische Wollschweine.

Als wir den Stall betreten, recken einige Tiere neugierig ihren Kopf über die hüfthohe Stallwand in den Gang. Meyer tätschelt einigen von ihnen den Kopf. Mir fällt Nicole Thomsons Bemerkung ein. "Der Jürgen könnte das nicht, im Baumarkt arbeiten. Der muss im Stall sein, bei seinen Tieren."

In der ersten Box herrscht reges Treiben: Vier Muttertiere mit ihrem Nachwuchs, etwa 20 Ferkel, zwischen fünf und zehn Tage jung. Einige drängen sich zitternd unter zwei wärmenden Rotlichtlampen. Andere laufen quiekend durchs Stroh. In der konventionellen Schweinehaltung werden Muttertiere nach dem "Abferkeln" mit Metallstäben über Tage hinweg fixiert - weil die mächtigen Tiere ihre Brut zertrampeln oder erdrücken könnten. Ob Meyer keine Angst hat? "Am Anfang schon", sagt er. "Aber bisher ist alles gut gegangen." Die Tiere sind umsichtiger als erwartet.

Eine der Sauen liegt im Stroh, umgeben von ihren Ferkeln. Ihre Ohren bewegen sich, immer wenn wir sprechen. Oder nur wenn Meyer spricht? Schweine sollen ziemlich intelligent sein. Sieht Meyer das auch so? Woran erkennt er das? Er überlegt lange. "Die hören uns zu."

In einer anderen Box flitzen die Schweine erstaunlich flink durch die Gummiluke, die den Außenbereich vom Stall trennt. Rein und wieder raus. Und wieder rein. So viel Lust an der Bewegung traut man Schweinen gar nicht zu. Die Sonne kommt raus, im Stall wird es hell. Ob es ihm nicht schwerfalle, die Tiere zum Schlachter zu geben? Er überlegt wieder lange. Sagt dann, er habe gelernt, sich bei ihnen zu bedanken. Dafür, dass sie bei ihm waren. Seither seien die Tiere auch ruhiger beim Verladen.

Sind Meyers Schweine "glücklich"? Sicher ist nur, dass sie Glück haben: Fast alle Schweine, die in Deutschland geschlachtet werden, haben am Ende ihres kurzen Lebens kein Stroh und keinen Sonnenstrahl gesehen. 58 Millionen waren es im vergangenen Jahr.

Die Homepage des Bio-Erzeugerverbandes Naturland
"Das ist völlig abstrus"
Agrarsubventionen
"Das ist völlig abstrus"
Die EU fördert mit Steuergeldern Überproduktion und die Industrialisierung der Landwirtschaft - zum Nachteil von Mensch, Tier und Natur. Eine Initiative von 35 unabhängigen Organisationen fordert darum mehr Transparenz bei der Geldvergabe
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