Tierzucht: Das neue alte Schaf

Schafe sollen wieder lernen, was der Mensch ihnen durch jahrhundertelange Züchtung abgewöhnt hat: ihr Fell selbst abzuwerfen

Erstmals domestiziert wurden Schafe vor etwa 11 000 Jahren im vorderasiatischen Raum, wo man sie vor allem zum Verzehr hielt. Erst seit ungefähr 2000 v. Chr. hatten es die Menschen auf die dicke Unterwolle der Tiere abgesehen und begonnen, dieses Merkmal hochzuzüchten. Die heutigen Wollschafe sind weitgehend das Produkt von Züchtern aus dem 18. bis 20. Jahrhundert.

Als Lieferanten von Wolle sind Schafe nach wie vor unverzichtbar. Nun wird ihnen überdies vermehrt eine andere Rolle zugedacht: Auf Brachflächen sollen sie den Lebensraum für andere Tierarten sichern, indem sie Büsche und Pflanzen kurz halten. Heidschnucken zum Beispiel sind eine genügsame Schafrasse und beißen bei fast jeder Witterung das Buschwerk ab.

Für eine kostengünstige Landschaftspflege bringen sie aber eine unerwünschte Eigenschaft mit: Genau das, worauf die bisherige Züchtung abzielt - ein dichtes, ständig nachwachsendes Wollkleid -, erweist sich in diesem Fall als Nachteil. Denn für die alljährliche Schur geben die Schäfer mehr Geld aus, als sie durch den Verkauf der Wolle einnehmen.

Am liebsten möchte man deshalb die Landpflege-Schafe wieder so haben, wie sie vor 3000 Jahren waren: fähig, im Sommer ihre Wollhaare selbst abzuwerfen. Durch gezielte Rück- und Neukreuzungen ist dies zum Beispiel dem Schafzüchter Norbert Grambart-Mertens aus Bielefeld gelungen.

Von der Osnabrücker Fachhochschule bekam er zwei Wiltshire-Hornschaf-Böcke; diese alte englische Rasse wird seit Jahren vor allem in Holland gezüchtet. Die Tiere sind robust und verlieren ihr Winterfell. Weniger optimal ist ihr extrem langer Schwanz: Denn daran bleiben Krankheitserreger hängen, mit denen vor allem die Weibchen sich selbst oder ihre Neugeborenen infizieren. Den Schwanz hätte Grambart-Mertens kupieren können. "Aber es ist besser, wenn ihnen erst gar keiner wächst, schließlich soll der Pflegeaufwand möglichst gering sein."

Ein Vorbild in Sachen Schwanzlänge ist die Heidschnucke. Die von dem Züchter forcierte Kombination aus Schnucken und Wiltshire-Böcken sowie diversen Muttertieren - Milchschafen, Kamerunschafen, Romanov-Schafen und Bergschafen - führte schon nach vier Generationen zu ausreichendem Nachwuchs mit allen gewünschten Merkmalen.

Die neue Schafart ist an das feuchte und kühle Klima der Norddeutschen Tiefebene bestens angepasst und braucht kaum Betreuung. Sie ähnelt wieder ihren wilden Ahnen - hat aber ein dichteres Wollvlies. Denn für die heutige Hütehaltung müssen die Schafe auch ohne Unterstand dem Wetter trotzen können; die alte Rasse verfügte über einen natürlichen Instinkt, sich eine Deckung zu suchen.

Grambart-Mertens hofft nun auf Abnehmer, welche die neue alte Schafrasse hinreichend isoliert von anderen Schafen hält, um den Typus fest zu etablieren.

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