Ökologie: Von El Niño vertrieben

Klimaschwankungen zwingen Flamingos in Ostafrika zur Wanderung durch den ostafrikanischen Grabenbruch

Die Sodaseen des ostafrikanischen Grabenbruchs wirken extrem lebensfeindlich. Sie sind stark alkalisch, ätzend, heiß und übel riechend. Und doch gibt es Spezialisten unter den Tieren, die sich hier wohl fühlen: Flamingos.

Außer den großen Rosaflamingos leben hier vor allem Zwergflamingos. Sie sind perfekt daran angepasst, sich von den Algen zu ernähren, die in den Sodaseen gedeihen. Da das keiner so gut beherrscht wie sie, sind sie ohne Konkurrenz und treten massenhaft auf. Doch sind Zwergflamingos von ihrer speziellen Nahrungsquelle in hohem Maße abhängig.

Am kenyanischen Nakuru-See, wo sich einst bis zu einer Million Vögel versammelten (GEO Nr. 3/1990), hat das für die Tiere zu einem Engpass geführt. Der sehr flache See trocknete in den Jahren 1995 bis 1997 häufig aus - unter anderem aufgrund des Klimaphänomens El Niño. Die meisten Flamingos mussten abwandern und auf nicht betroffene, tiefere Seen ausweichen.

Der Dürre folgten zwar im Winter 1997/98 außergewöhnlich starke Niederschläge, die den Nakuru-See wieder auffüllten. Durch das viele Regenwasser wurde jedoch der pH-Wert des Sees aus dem alkalischen Milieu in Richtung des neutralen Bereichs verschoben. Unter diesen veränderten Bedingungen konnten die für Zwergflamingos lebenswichtigen Algen nur noch schlecht gedeihen.

Zwergflamingos ernähren sich fast ausschließlich von mikroskopisch kleinen Algen der Gattung Spirulina sowie von Kieselalgen. Diese winzigen Organismen wachsen in der warmen Sodabrühe in ungeheuren Mengen. Der Nahrungsbedarf eines Zwergflamingos ist zwar recht bescheiden. Am Tag benötigt er nur etwa 60 Gramm Algen. Aber bei etwa 3 Gramm Algen pro Liter Wasser müssen die Vögel rund 20 Liter pro Tag filtern, um ihren Bedarf zu decken. Fällt die Konzentration auf 1 Gramm pro Liter, ist die aufgewendete Energie zum Filtern schließlich größer als der Energiegewinn bei der Nahrungsaufnahme. Die Tiere gehen ein oder müssen weiterziehen.

Seit Mitte der neunziger Jahre flogen deshalb viele der rosafarbenen Nomaden zum etwa 80 Kilometer nördlich von Nakuru gelegenen Bogoria-See - einem algenreichen Gewässer, das ebenfalls im kenyanischen Teil des Grabenbruchs liegt. 1999 erreichte dort der Bestand die Rekordzahl von 1,3 Millionen Vögeln. Damit war die Produktivität des Sees wahrscheinlich überfordert: Denn immerhin vertilgen so viele Tiere etwa 80 Tonnen Algen pro Tag. In den letzten drei Jahren reduzierte sich der Bestand am Bogoria-See auf derzeit 388000 Flamingos. Die neue, positive Meldung: Die überzähligen Vögel sind an den mittlerweile "genesenen" Nakuru-See zurückgekehrt.

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