Heimat der Äskulapnatter

Kein Mitbringsel der Römer: Die isolierten Vorkommen der Äskulapnatter in Mitteleuropa sind Relikte von deren einst natürlicher Verbreitung bis zur Ostsee

Unter den einheimischen Schlangen ist die Äskulapnatter (Elaphe longissima) die große Unbekannte. Vor allem das ungewöhnliche Verbreitungsbild dieser nicht giftigen, bis 180 Zentimeter langen Schlange gab der Wissenschaft lange Rätsel auf.

Während der Schwerpunkt ihrer Verbreitung im europäischen Mittelmeerraum liegt, gibt es inselartige Vorkommen auch in Mitteleuropa (siehe Karte). Handelt es sich, so fragten sich Forscher, bei den Exemplaren im Norden um Nachfahren eingeschleppter Tiere oder um Reste einer ehemals weit verbreiteten Art?

Anhänger der ersten These entwickelten schon früh die populäre "Römer-Theorie". Danach sollen römische Legionäre die als heiliges Symbol verehrte Natter bei ihren Feldzügen nach Mitteleuropa verschleppt haben, um den Gott der Heilkunst, Aesculapius, zu ehren. In besonders warmen Regionen hätten sich die Tiere dann vermehrt.

Dagegen spricht zum einen, dass es auch Fundstellen an Orten gibt, wo die Römer niemals hinkamen. Zum anderen, so belegt der Frankfurter Zoologe Axel Gomille jetzt in seinem Buch "Die Äskulapnatter – Verbreitung und Lebensweise in Mitteleuropa" (Edition Chimaira), gibt es fossile Funde, die auf eine ehemals lückenlose mitteleuropäische Verbreitung hinweisen.

Demnach war die Schlange vor 5000 bis 8000 Jahren bis an die dänische Ostseeküste heimisch. Damals, im Atlantikum (dem Wärmegipfel nach der letzten Eiszeit), waren die durchschnittlichen Sommertemperaturen etwa zwei bis drei Grad Celsius höher als heute. Mit der Abkühlung des Klimas in Mitteleuropa begann das Verbreitungsgebiet der Äskulapnatter zu schrumpfen – ein Prozess, der heute durch die Habitatzerstörung seitens des Menschen noch verstärkt wird. Allerdings, so Gomille, sei nicht allein die Temperatur für das Überleben der Schlange entscheidend. Sie bevorzuge zwar warme Regionen, vermeide jedoch große Trockenheit und sei als Waldart zu charakterisieren. Zum Beispiel sei sie für die Entwicklung ihrer Eier auf das feucht-warme Milieu verrottenden organischen Materials angewiesen, wie es ursprünglich von Wäldern mit altem Baumbestand geboten wurde.

Im Gegensatz zur herrschenden Meinung finde man die Äskulapnatter in Deutschland daher nicht in den wärmsten Gebieten – sondern vielmehr in der feuchteren Nachbarschaft der heißen Zonen. Zum Beispiel bei Hirschhorn im Neckartal, an das sowohl östlich wie westlich deutlich wärmere Regionen angrenzen.

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