Verhalten: Die Werkstatt der Affen

Menschen gelang sie vor 2,6 Millionen Jahren: die Herstellung von Werkzeugen. Wie weit auch Affen in dieser Fertigkeit fortgeschritten sind, zeigt ein neuer Fund

Nüsse zu knacken, ist für die meisten Lebewesen buchstäblich eine "harte Nuss". Die Schimpansen des Taï-Nationalparks in der westafrikanischen Elfenbeinküste indes haben dieses Problem gelöst. Sie nutzen Steine als Hammer, mit dem sie auf die Nüsse eindreschen, bis die Schale zerbricht und sie so an die proteinreiche Nahrung gelangen können.

Wissenschaftler fasziniert an dieser Technik deren Ähnlichkeit mit einer uralten kulturellen Errungenschaft des Menschen – rund 2,6 Millionen Jahre alt sind die Steinabschläge, die Paläontologen als bislang älteste Werkzeuge ausgegraben haben. Wie alt aber ist der Werkzeuggebrauch bei Affen? Und wird er – wie bei Menschen – über viele Generationen weitergegeben?

Erste Aufschlüsse über die Geschichte des Nussknackens im Taï-Wald gelangen nun dem Primatenforscher Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, seiner Kollegin Melissa Panger und dem US-amerikanischen Archäologen Julio Mercader von der George Washington University in Washington. Boesch und seine Frau Hedwige hatten während langjähriger Feldstudien bestimmte Plätze im Taï-Park ausgemacht, welche die Schimpansen favorisierten – etwa eine Stelle namens "Panda 100", wo bis 1996 (inzwischen verkümmerte) Bäume mit Panda-Nüssen wuchsen. Dort befinden sich in der Nähe eines riesigen, abgestorbenen Baumes sechs oberirdische Wurzelsysteme, die sich ideal als Amboss für die Nussknackerei eignen.

Mit Methoden, die bislang nur bei Ausgrabungen menschlicher Relikte angewendet worden sind, legte Mercader Nussschalen und Steinabschläge bis in einen halben Meter Tiefe frei. Insgesamt zählte der Forscher 479 Abschläge und Splitter. Die Analysen zeigten auch, dass die Schimpansen ihre Steinwerkzeuge offenbar aus Hunderten Meter Entfernung zu dieser "Nussknacker-Werkstätte" geschleppt haben. Zwar sei es nur "ein Einblick in die Geschichte des Nussknackens", wie Boesch einräumt – das Alter der Funde schätzen die Forscher auf maximal 100 Jahre. Immerhin aber dürften hier schon seit einigen Generationen Nüsse bearbeitet worden sein. Und das, betont der Forscher, sei eindeutig "Kultur". Bei Affen werde der Brauch über soziales Lernen von Generation zu Generation weitergegeben, und nicht, wie dies sonst im Tierreich bei Innovationen häufig der Fall ist, mit dem Tod des "Erfinders" vergessen.

Auch die Gene seien für den Erhalt des Verhaltens wohl nicht zuständig: Unzählige Male hat Boesch verfolgt, wie alte, erfahrene Schimpansen Nüsse mit Steinen öffnen, während die Jungen aufmerksam zuschauen. Bis zu sieben Jahre braucht ein Schimpansenkind, ehe es die Hämmer-Technik einigermaßen beherrscht – für Boesch ein klares Zeichen dafür, dass die Weitergabe nicht auf einem genetischen Mechanismus basiert.

Ein weiteres Indiz: Die Technik wird nicht an alle Tiere der Art weitergegeben. Zum Beispiel öffnen nur die Schimpansen westlich des N’Zo-Sassandra-Flusses Nüsse mit Steinen – obwohl östlich davon, nur wenige Kilometer entfernt, exakt die gleichen Umweltbedingungen herrschen. Der "Kulturaustausch" mit den dortigen Affen werde durch den Fluss verhindert.

Inzwischen haben die Schimpansenforscher Afrikas 39 verschiedene solcher Verhaltensweisen entschlüsselt, die über soziales Lernen weitergegeben werden und einzelne Populationen wie ein Ausweis charakterisieren. Hat etwa ein Schimpanse gelernt, sich selbst mit einem Stöckchen zu kitzeln, lebt er definitiv im tansanischen Gombe-Nationalpark. Stochert er mit einer solchen Hilfe nach Ameisen und knackt überdies Nüsse mit Steinen, ist er ein Westafrikaner.

Viele der an der entdeckten "Werkstatt" entstandenen Fragmente, so Mercader, ähnelten auffallend den ältesten Relikten menschlicher Werkzeug-Herstellung. Obschon die Affen vermutlich nur zufällig entsprechende Splitter erzeugten, könnte es von der Produktion von Abschlägen bis zum echten Handwerk der Frühmenschen "nur ein kleiner Schritt" gewesen sein, spekuliert Stanley Ambrose von der University of Illinois in Urbana-Champaign. Wahrscheinlich verwendeten sogar schon vor fünf Millionen Jahren Vormenschen wie die so genannten Australopithecinen (etwa "Lucy") simple Steine nach heutiger Schimpansen-Art. Noch fehlen dafür allerdings fossile Belege.

Den Beweis für eine ebenfalls sehr lange Tradition der Werkzeug-Verwendung bei Affen will Boesch zusammen mit Mercader bei einer weiteren Grabung im Taï-Nationalpark liefern. Ziel: eine Schimpansenwerkstatt zu finden, die mindestens einige Tausend Jahre alt ist – vielleicht sogar einige Millionen.

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