Evolution: Reduzierte Ausstattung

Die heutigen Libellen haben offenbar ein Flügelpaar weniger als ihre Urahnen

Als "Relikte aus grauer Vorzeit" werden die Libellen, diese schillernden, eigentümlich geformten, blitzschnell manövrierenden Fluginsekten, gerne bezeichnet.

Dieses Bild ist vermutlich falsch: Die Urlibellen waren wahrscheinlich träger, hatten eine schwächer ausgeprägte Flugmuskulatur - und ein zusätzliches, drittes Flügelpaar. Ein solches war bisher nur bei den vor etwa 245 Millionen Jahren ausgestorbenen Urnetzflüglern bekannt gewesen, die sich parallel zu den Libellen entwickelten und mit diesen zu den ältesten Fluginsekten gehören.

Zu den neuen Erkenntnissen gelangten Carsten Brauckmann und Elke Gröning vom Institut für Geologie und Paläontologie der Technischen Universität Clausthal bei Untersuchungen in 315 Millionen Jahre alten Tonschieferablagerungen in Hagen-Vorhalle (Ruhrgebiet).

Nur in solchen entlegenen, so genannten Konservat-Lagerstätten haben sich Überreste von Urinsekten so gut erhalten, dass man Rückschlüsse auf ihre feinen Flügelstrukturen ziehen kann.

Demnach saß das dritte, sehr kleine Flügelpaar - im Gegensatz zu den beiden anderen - am vorderen Rumpfsegment. Wahrscheinlich diente es hauptsächlich zur Stabilisierung des Fluges. Geschickte Manöver, so vermuten die

Forscher, konnte der Libellen-Urahn damit nicht vollführen - zumal er sich, wegen fehlender Muskelkraft, ohnehin größtenteils im Gleitflug vorwärts bewegt haben dürfte.

Erst im weiteren Verlauf der Evolution entwickelten sich schließlich die für die heutigen Libellen typischen Merkmale - wie die schräg gestellten hinteren Rumpfabschnitte, mit denen die Tiere leichter Beute machen, da sie ihre Beine als "Fangkorb" weiter nach vorne strecken können; und schließlich die ausgeprägte Flugmuskulatur, die sie zu wahren Luftakrobaten macht.

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GEO Nr. 05/97
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