Ein Test auf Leben und Tod

In Göttingen wird gerade der erste Lebendtest für BSE-infizierte Kühe entwickelt. Ein wichtiger Schritt zum "normalen" Umgang mit dem Wahnsinn

Primera scharrt wild und unkoordiniert mit dem linken Vorderlauf und guckt angriffslustig aus ihrer Box am Ende des Tierstalls der Göttinger Universität. Den massigen Kopf hält die Kuh tief am Boden, weit vorgestreckt, jederzeit bereit, ihn blitzartig hochschnellen zu lassen: Ausdruck ihrer schon bei geringsten Irritationen aufflackernden Angst.

Die abgemagerte, jüngst niedergekommene Hochleistungs-Kuh hat wahrscheinlich BSE. Aufgefallen war sie vor etwa einem Vierteljahr, weil sie - ebenso wie ein weiteres von BSE infiziertes Rind aus demselben Stall - irgendwann niemanden mehr an sich heranließ. Auf der Weide stand sie so weit wie möglich von allen anderen Kühen entfernt - ungewöhnlich für ein Herdentier.

Primera, die sich vermutlich schon vor fünf Jahren infiziert hat, ist die erste lebende Kuh, die mit einem neuen Bluttest - entwickelt von dem Göttinger Wissenschaftler Ekkehard Schütz - positiv auf BSE getestet wurde. Bislang konnten die Erreger, veränderte Eiweiße (Prionen), nur im Nervengewebe toter Tiere nachgewiesen werden. Sollte der Test sich bewähren, müssten im Verdachtsfall nicht mehr alle Tiere einer "Kohorte" geschlachtet werden, sondern nur noch die wirklich infizierten.

Der neue Bluttest beruht auf folgenden Überlegungen: Die in der Struktur veränderten Prionproteine, vermutet Ekkehard Schütz, lassen schon Spuren im Blut zurück, bevor sie - gemäß einer weiteren Hypothese - vom Darm kommend ins Hirn einwandern. Nach dieser Theorie enthält das Blut infizierter Tiere typische, kurze RNS-Abschnitte, die in gesundem Blut in dieser Konzentration nicht vorkommen.

In einem mehrstufigen Reinigungs- und Aufbereitungsverfahren extrahiert das Team um Schütz gezielt RNS aus dem Blut, verwandelt die RNS-Sequenz mittels der so genannten reversen Transkriptase in DNS und vermehrt ausgewählte DNS-Abschnitte in einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Die nun vorliegende Probe enthält ausgewählte DNS-Abschnitte in so großer Zahl, dass sie auf einer Gelschicht mit dem "Gel-Elektrophorese" genannten Verfahren sortiert und analysiert werden können.

Zum Schluss wird ein Abbild dieser Verteilung angefertigt. Die gesuchten DNS-Fragmente werden mit einem Fluoreszenz-Farbstoff gefärbt, der, von UV-Strahlung angeregt, Licht im sichtbaren Bereich abstrahlt. Ein digitales Gel-Dokumentationssystem verarbeitet die Emissionswerte und gibt sie auf einem speziellen Drucker aus. Der Ausdruck zeigt die gesuchten DNS-Abschnitte als kleine schwarze Streifen, Banden genannt. Werden deutliche Banden an mehreren der für BSE typischen Positionen sichtbar, geht Ekkehard Schütz von einer Infektion aus.

In der Praxis würde die Untersuchung in zwei Etappen erfolgen: Der finanziell günstige Bluttest, der auch einmal fälschlich positive, aber keine fälschlich negativen Ergebnisse erzeugen darf, soll Risikorinder ermitteln; ein verhältnismäßig aufwendiger Kontrolltest dann innerhalb dieser Gruppe die tatsächlich infizierten aussondern.

Ein solcher bereits gut etablierter Kontrolltest - das von dem Göttinger Neuropathologen Walter Schulz-Schaeffer entwickelte "PET-blot"-Verfahren - wird mit Gewebe aus toten Rindern vorgenommen. Dabei werden die Prionen aus feinsten Gewebeschnitten auf eine Membran übertragen und dort nachgewiesen.

Wo das Verfahren ein positives BSE-Ergebnis erbrachte, hatte zuvor auch Ekkehard Schütz dasselbe mit seinem Bluttest festgestellt - PET-blot dient also als Bestätigung der neuen Methode.

Demnächst werden in der Neuropathologie alle Tiere überprüft, die im Bluttest positiv getestet wurden, deren BSE-Erkrankung jedoch noch nicht nachgewiesen ist.

Ob auch der Bluttest an Primera ein korrektes Ergebnis geliefert hat, wird sich erst feststellen lassen, wenn ihr Nervengewebe entnommen werden kann - sprich: wenn sie gestorben ist.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 3/03

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