Nachdenken über die Seuche

Auf dem Höhepunkt der BSE-Krise war Eile geboten, um Gefahren von den Verbrauchern abzuwenden. Unterdessen hat sich die Lage entspannt, und ein erster BSE-Test für lebende Tiere wird erwartet. Zeit für eine Bestandsaufnahme

Der Schock über die Rinderseuche BSE saß tief: Nachdem im November 2000 das erste Tier aus deutschen Beständen positiv getestet worden war, grassierte auch bei uns die Angst vor der unheimlichen Krankheit. Vorausgegangen waren Horrorszenarien ernst zu nehmender britischer Forscher, wonach sich allein auf der Insel, dem Kernland der Seuche, weit über 80000 Menschen durch den Verzehr von verseuchtem Rindfleisch an infektiösen Eiweißen, so genannten Prionen, angesteckt hätten; jeder Infizierte würde unweigerlich an einer neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) qualvoll zugrunde gehen - wie die "bovine spongiforme Enzephalopathie", ein Leiden, bei dem das Gehirn schwammartig zerfällt.

Um auf Nummer Sicher zu gehen, wurden alle Rinder der betroffenen Bestände gekeult und verbrannt - 8948, wie sich im nachhinein herausstellte, kerngesunde Tiere fielen der Vernichtungsaktion allein im Jahr 2001 zum Opfer. Die Bundesminister Karl-Heinz Funke und Andrea Fischer kostete ihr angeblich nachlässiges Krisenmanagement das Amt. Und aus dem Stehgreif verwandelte die Bundesregierung das einstige Landwirtschaftsministerium in ein Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Dessen wichtigste Verfügungen: Alle geschlachteten, über 24 Monate alten Rinder müssen in Deutschland mit einem BSE- Schnelltest untersucht, beim Schlachten außerdem sämtliche Risikomaterialien wie Gehirn, Rückenmark, Magen und Darm entfernt und dekontaminiert werden; Tiermehl jeglicher Art darf generell nicht mehr an Nutztiere verfüttert werden.

Die schlimmsten Prognosen, so sieht es inzwischen Michael Baier, BSE-Experte des Berliner Robert-Koch-Instituts, lagen wohl daneben. In Deutschland wurde bis dato kein einziger Fall der neuen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bekannt. Und entgegen allen Befürchtungen ist hierzulande auch die Zahl der BSE-positiven Rinder von 125 im Jahre 2001 auf 106 in 2002 zurückgegangen.

In England sind 129 Menschen definitiv an vCJK, der neuen Variante, erkrankt, und womöglich - so eine neue britische Studie - verbergen sich unter den jährlich etwa 50 CJK-Neuerkrankungen auch Fälle, die auf dem BSE-Infektionsweg zustande gekommen sind. Doch selbst dann ergäbe sich, so Baier, "nicht unbedingt ein dramatischer Anstieg der Infektionen bei Menschen".

Auf den ersten Blick eine positive Bilanz der Sofortmaßnahmen des Verbraucherministeriums und der Europäischen Union. Doch weil die jetzt ermittelten Infektionen von Schlachttieren einige Jahre zurückliegen, "muss es schon früher irgendwelche Faktoren gegeben haben, welche die Ansteckungsrate gedrückt haben", sagt Baier. Dazu könnte auch das seit 1994 gültige, damals aber auf Wiederkäuer begrenzte Verfütterungsverbot von aus Säugetieren gewonnenen Proteinen gehören.

Das inzwischen geltende generelle Verfütterungsverbot von Tiermehl hat indes neue Probleme geschaffen. So landen europaweit 16 Millionen Tonnen Schlachtabfälle nicht mehr im Trog von Allesfressern wie Schweinen und Geflügel, sondern enden als Sondermüll. Geschätzte Entsorgungskosten pro Jahr: drei Milliarden Euro. "Ein teurer und fahrlässiger Umgang mit wertvollen Proteinen", findet die Biologin Dagmar Parusel von der Hamburger "EPEA Internationale Umweltforschung". Denn nur ein Viertel des "Biomülls" besteht aus Risikomaterialien, die hochgradig mit dem BSE-Erreger verseucht sein könnten, oder aus an BSE verendeten Tieren. Drei Viertel sind unbedenkliche Abfälle gesunden Schlachtviehs, so genannte genussfähige Schlachtnebenprodukte (SNP) - beispielsweise Schweinepfoten oder Steakknochen -, die auch der Mensch früher für sich genutzt hat.

Seit Einführung des umfassenden Tiermehlverfütterungsverbots ist überdies Ersatz gefragt - in Form pflanzlicher Proteine aus Raps oder Soja. Soja führt Deutschland vorwiegend aus Brasilien ein. Was wie eine willkommene wirtschaftliche Belebung für das südamerikanische Land aussieht - der Import von brasilianischem Soja-Schrot stieg 2001 im Vergleich zum Vorjahr um 72 Prozent -, hat seinen ökologischen Preis: Für die um 17 Prozent gewachsenen Anbauflächen muss der Savannenwald des Cerrado weichen. Auch das Pantanal, das größte Feuchtgebiet Südamerikas, wird derzeit für die Soja-Kulturen erschlossen.

Dagmar Parusel findet dies grotesk: "Da wird nicht für die Ernährung der Menschen vor Ort geholzt, sondern für Schweine und Geflügel, weil die Europäer ihre eigenen Proteine verfeuern." Außerdem profitierten nur wenige Großgrundbesitzer von der boomenden Nachfrage; die Kleinbauern würden an den Rand des Amazonas-Regenwaldes gedrängt und machten dort Land urbar - was die fortschreitende Vernichtung des Regenwaldes beschleunige.

Nun fordert die EPEA-Biologin "intelligente Nährstoffkreisläufe" - als Voraussetzung, um das strikte Verfütterungsverbot zu überdenken. Unter höchsten Gesundheits- und Sicherheitsstandards sollten schon im Schlachthof genussfähige SNPs von Schwein, Rind und Geflügel getrennt und von den Tierkörperverwertungsanlagen nicht wie zuvor zu einem Mischprodukt, sondern zu separaten Mehlen verarbeitet werden - zu reinem und einwandfrei deklariertem Schweine-, Geflügel- oder Rindermehl. Das würde die Kontrollen der zu verfütternden Mehle erleichtern. "Die Technologie für die Trenntechnik steht", versichert der Anlagenexperte Radulf Oberthür aus Bawinkel im Emsland. Vielleicht ist aber auch dies nurmehr bedingt nötig. Denn seit kurzer Zeit existiert ein BSE-Lebendtest, der von dem Göttinger Humanmediziner Ekkehard Schütz entwickelt worden ist (siehe Begleittext). Damit können zukünftig Herden getestet werden, ohne die Tiere zu schlachten, und infizierte Rinder oder Schafe gezielt aus dem Verzehr gezogen werden.

Die Praxistauglichkeit dieses und ähnlicher Tests wird derzeit in verschieden Instituten überprüft. In einer Dependance der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere (BFAV) auf der Ostseeinsel Riems etwa werden Kälber mit der Seuche infiziert, unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Dabei hofft man auch, den genauen Infektionsweg der Krankheit nachvollziehen zu können.

Wegen der veränderten Sachlage will EU-Verbraucherkommissar David Byrne daher "irgendwann" überprüfen lassen, ob das strikte Tiermehlverfütterungsverbot noch bestehen bleiben muss. Denn Tiermehl übertrage BSE nicht auf Schweine, Fisch oder Geflügel.

Das deutsche Verbraucherministerium indes wendet sich gegen eine Lockerung und hält die Umwelt- und Sozialfolgen in Brasilien für "nicht so gravierend" - so die stellvertretende Ministeriumssprecherin Ursula Horzetzky. Zudem könnten selbst umfassende Kontrollen nicht ausschließen, dass Risikomaterialien in die Mehle geschleust würden.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 3/03

GEOlino Buchtipps zum Lesen
Nachdenken über die Seuche
Auf dem Höhepunkt der BSE-Krise war Eile geboten, um Gefahren von den Verbrauchern abzuwenden. Unterdessen hat sich die Lage entspannt, und ein erster BSE-Test für lebende Tiere wird erwartet. Zeit für eine Bestandsaufnahme
GEOlino Buchtipps zum Lesen
Ein Test auf Leben und Tod
In Göttingen wird gerade der erste Lebendtest für BSE-infizierte Kühe entwickelt. Ein wichtiger Schritt zum "normalen" Umgang mit dem Wahnsinn
GEOlino Buchtipps zum Lesen
"Zeichen von Hysterie"
Sucharit Bhakdi, Mikrobiologe an der Universität Mainz, sieht die Gefahren von BSE gelassen. Viele verordnete Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit zeugten von Aktionismus
GEOlino Buchtipps zum Lesen
Seid umschlungen, Myriaden
Ein feiner Ring aus Sternen umgibt die Milchstraße - wie eine Begrenzung unserer Galaxie. Er könnte das Resultat einer Verschmelzung unserer Milchstraße mit einer kleineren Galaxie sein
GEOlino Buchtipps zum Lesen
Eis im Ringellook
Warum bilden sich um Eiszapfen Ringe in stets gleichem Abstand?
d7a2d2d6c3423f697023d227ac55787c
GEO Nr. 03/03
Jungs
GEO.de Newsletter