Verhalten: Vorsicht, Ködel!

Raupen an sich sind schon sonderbar. Doch manche, wie die Larven des Dickkopffalters, haben besonders extravagante Marotten: Sie schießen mit Kot

Kaum war der Deckel drauf, drangen seltsame Geräusche, die nach Schüssen klangen, aus der Plastikbox, mit der die Biologin Martha Weiss von der Georgetown University Raupen des amerikanischen Dickkopffalters eingefangen hatte.

Des Rätsels Lösung: Die Raupen von Epargyreus clarus entledigten sich schwungvoll ihres Kots, katapultierten Kügelchen in der Größe von Traubenkernen aus ihren harten, lukenartigen Hinterteilen. Ein kurzer Anstieg des Blutdrucks brachte die dafür nötige Power. Ein nützlicher Mechanismus. Denn auf diese Weise halten die Raupen ihr aus einem frischen Blatt zeltartig gebau-tes und mit selbstgefertigten Seidenfäden festgezurrtes Heim von Exkrementen sauber; ein Gang dafür ins Freie wäre für die behäbigen und auffällig gemusterten Tiere ein Risiko - Wespen und Vögel warten nur auf den prallen Proteinsnack.

Warum aber schießen sie den Kot so weit, bis zu 153 Zentimeter im Test? Das entspricht dem 40fachen ihrer Körperlänge - wobei die ältesten Larven die größte Weite erzielten. Um den Grund dafür herauszufinden, siedelte die Forscherin einen Teil der Larven samt Grünfutter für den Hausbau in kleine Boxen um und wartete ab. Trotz des sich vor der Tür des Zeltes anhäufenden Kots entwickelten sich die Larven normal. Das Hygieneproblem allein konnte also nicht des Rätsels Lösung sein.

Schließlich legte Weiss Exkremente auf die Zelte einiger Testkandidaten und ließ hungrige Wespen auf die Raupen los. In Windeseile wurden 14 von 17 Raupen verspeist - überlebt hatten nur jene, auf deren Zelten lediglich Glasattrappen von Kothäufchen lagen. Der Duft des Kots also hatte die Wespen angelockt. Die Folgerung der Forscherin: Das Kotkugelweitschießen dient dem Überleben, denn je weiter die Stinkbombe fliegt, desto weniger Feinde werden den Weg zur Raupe finden.

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GEO Nr. 05/97
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