Vegetarische Piranhas

Französische Forscher haben in Französisch-Guayana zwei unbekannte Piranha-Spezies entdeckt. Aber keine Blutrünstigen: Sie verschlingen Grünzeug

Wer im Amazonas ins Wasser fällt, hat sein Leben verwirkt. Das Wasser kocht von Horden hungriger, aggressiver Schwarmfische, färbt sich innerhalb von Sekunden blutrot, vom Opfer bleibt nichts als ein Skelett übrig - so das weit verbreitete, allerdings keineswegs zutreffende Klischee von der Mordgier der zur Unterfamilie der Sägesalmler (Serrasalminae) gehörenden Pirayas, die unter ihrem brasilianischen Namen Piranhas für Gänsehaut sorgen.

Tatsächlich sind die meisten der kursierenden Schreckensgeschichten nicht belegt, und einzelne Bissverletzungen durch Piranhas entstehen vielfach beim Fang dieser in Südamerika beliebten Speisefische. Sie übernehmen in den Flüssen eine wichtige Aufgabe als Gesundheitspolizei, indem sie kranke oder tote Tiere fressen und so die Ausbreitung von Seuchen verhindern. Nur wenige Arten, etwa aus der Gattung Pygocentrus, die sich vorwiegend von Fisch, Würmern und Insekten ernähren, greifen auch warmblütige Tiere an.

Für die blühende Fantasie einfallsreicher Horror-Regisseure gänzlich ungeeignet sind die beiden Sägesalmler Tometes lebaili und Tometes makue, die ein Forscherteam des französischen Instituts für Entwicklungsforschung (IRD) jetzt in den Flüssen der Haut-Maroni-Region, an der Grenze zwischen Französisch-Guayana und Suriname, entdeckt hat. Mit einer Körperlänge von 50 Zentimetern und einem Gewicht von fünf Kilogramm erreichen die ausgewachsenen Tiere zwar eine imposante Größe - doch T. lebaili und T. makue sind harmlose Vegetarier.

In der Wahl ihrer Nahrung sind sie besonders heikel:

Erwachsene Tiere fressen ausschließlich die Blätter von Stielfadengewächsen (Podostemaceae); diese Wasserpflanzen finden sich in Flussbereichen mit starker Strömung, in der sich andere Flora nicht halten kann.

So genannte "vegetarische Piranhas" sind für Wissenschaftler an sich nichts Neues: Im Amazonasgebiet sind schon 30 Arten dieser Sägesalmler bekannt. Doch dass ausgerechnet T. lebaili den Forscheraugen entgangen ist, erscheint sehr verwunderlich. Bei dem indianischen Volk der Wayana ist der vegetarische Riese nämlich schon seit langem als "watau yaikë" bekannt. Die zusammen mit zwei weiteren Arten von Sägesalmlern als "kumaru" bezeichneten Speisefische haben in der Haut-Maroni-Region nicht nur als begehrte Eiweißlieferanten einen hohen Stellenwert, sondern spielen auch eine wichtige Rolle in den Riten der Ureinwohner.

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