Geowissenschaften: Versteppung durch Raubbau

Die große Nachfrage nach billigen Rohstoffen aus der Dritten Welt führt zur katastrophalen Verschwendung natürlicher Ressourcen. Auf einer Konferenz in Hamburg warnten Wissenschaftler und Politiker vor den Folgen

"Die Ursache für den weltweiten Schwund wertvollen Ackerlandes ist Armut. Doch die Regierungen kämpfen nicht gegen die Armut, sondern gegen die Armen" - deutliche Worte des Stellvertretenden UN-Generalsekretärs Hama Arba Diallo in seiner Eröffnungsrede zum Welttag zur Bekämpfung der Wüstenbildung am 17. Juni 2003. Die Veranstaltung wurde ausgerichtet von dem deutschen wissenschaftlichen Netzwerk DesertNET und der Universität Hamburg und unterstützt von mehreren Organisationen und Initiativen. GEO steuerte eine Ausstellung und einen Film über den Kampf gegen Versteppung in China bei.

Die Dringlichkeit des Problems ist groß: Allein in Afrika, so Diallo, befänden sich 25 Millionen Menschen auf Landflucht; dasselbe gelte für Tausende Mexikaner, die versuchten, illegal in die USA auszuwandern. Dies sei auch Folge maßlosen Raubbaus an Wasser, Pflanzen, Böden und Bodenbewuchs. Denn sinkende Marktpreise und große Nachfrage nach billiger Ware zwängen die Bewohner zur intensiven Nutzung des Landes - und für nachhaltiges Bewirtschaften fehle allenthalben das Geld.

Der Bodenkundler und Podiumsteilnehmer Günter Miehlich sah die Schuld an der "Degradation" der Ressourcen nicht zuletzt im Konsumverhalten der Industriestaaten. Er verwies auf billige Futterstoffe und Rohrzucker aus Brasilien oder Kaschmirfasern aus China. Durch die gestiegene Nachfrage nach der weichen Wolle etwa seien die Ziegenherden im Tibetischen Hochland um ein Vielfaches angewachsen. Weil ihre Wolle vor allem in größeren Höhen sehr weich wächst, grasen die Tiere in Bergregionen mit geringer Vegetation. Außerdem, so Miehlich: "Ziegen rupfen nicht, sie reißen." In geringerem Maße gebe es ähnliche Probleme auch schon im Kerngebiet Europas - etwa in Spaniens austrocknenden Waldarealen.

Um der Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen Nachdruck zu verleihen, formulierten die Forscher eine "Hamburger Deklaration" (siehe www.geo.de/deklaration), in der die Umsetzung des bereits 1994 beschlossenen Abkommens zur Bekämpfung der Wüstenbildung gefordert wird. In den meisten Regionen genügten vermutlich eine angemessene Entlohnung der Landbevölkerung und relativ geringe, aber kontinuierliche Investitionen über drei bis vier Jahre, um dem Raubbau Einhalt zu gebieten und eine langfristig stabile Landnutzung zu gewährleisten. Durch politische Unterstützung dieser Maßnahmen könne auch das sozial brisante Flüchtlingsproblem entschärft werden.

Diallo: "Die meisten Menschen wollen in ihrer Heimat bleiben. Das ist Anreiz genug, auf ihr Land zu achten."

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 8/03

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