Evolution: Geborgen im eigenen Netz

Spinnen "bauen" auch dreidimensional. Ein Mehraufwand, der ihr Leben retten kann

Mit gespreizten Beinen hängt die Kreuzspinne kopfunter im Zentrum ihres Gewebes und wartet darauf, dass sich ein Insekt in den Netzmaschen verstrickt. Dann dreht sie sich vorsichtig im Kreis, tastet mit den Vorderbeinen die Speichenfäden ab, ortet so die sich verheddernde Beute, schleppt das eingewickelte Opfer ins Zentrum des Netzes und verspeist dort ihren Fang.

Zur Beute wird jedoch auch oft die Kreuzspinne selbst.

Auf ihrem zweidimensionalen Netz liefert sie sich Fressfeinden geradezu wie auf dem Präsentierteller aus. Allein sechs Grabwespen-Gattungen machen ausschließlich Jagd auf Spinnen, mit denen sie ihre Larven füttern. Dem Zoologen Todd Blackledge von der University of California zufolge erlegt die tropische Grabwespenart Sceliphron assimile pro Tag fast 500-mal mehr Spinnen, als ein Vogel in der gleichen Zeit, bei vergleichbarer Spinnendichte.

Besser gewappnet gegen die Grabwespen, und zwar vermutlich bereits seit der Unteren Kreidezeit vor rund 140 Millionen Jahren, sind jene Spinnen, die komplizierte, dreidimensionale Netzstrukturen weben und sich in deren Innerem aufhalten. Wird eine solche Spinne attackiert, muss sich der Räuber erst einmal durch ein Fadengewirr kämpfen. Hat er sich dabei nicht selbst verheddert, ist die Spinne längst geflüchtet. Denn die "Fadenburg" ist gleichzeitig ein Frühwarnsystem: Berührt der Feind das Netz, spürt die Spinne sofort jede Vibration.

Dass dieser Schutzmechanismus tatsächlich wirksam ist, belegen die Untersuchungsergebnisse von Blackledge: Obwohl die Spinnen, die dreidimensionale Netze herstellen, sowohl in der Arten- als auch in der Individuenhäufigkeit ihre zweidimensional webenden Vettern übertreffen, war nur rund jede fünfte erbeutete Spinne ein 3-D-Architekt.

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GEO Nr. 05/97
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