Biologie: Ein ganzer Kerl

Auch Kraken bekommen eine Erektion. Das hat jetzt eine US-Forscherin durch Zufall entdeckt

Damit hatte Janet Voight von der University of Chicago nicht gerechnet, als sie zwei ihrer Forschungsobjekte bei einem erfolglosen Paarungsversuch beobachtete. Denn während sich das Kraken-Pärchen vorsichtig aus dem Wirrwarr seiner 16 Fangarme löste, entdeckte die Forscherin einen länglichen, zu beachtlicher Größe angeschwollenen Fortsatz an der Spitze eines - wie bei allen Tintenfischen zu einem Begattungsarm modifizierten - Fangarms des männlichen Tieres.

Dieser erwies sich bei genauer Untersuchung einer nahe verwandten Art, dem Octopus bimaculoides, als Begattungsorgan, vergleichbar dem erektilen Gewebe von Penis und Klitoris, der Geschlechtsorgane bei Säugetieren. Der "Krakenpenis" hat, ähnlich den Schwellkörpern des Säugetierpenis, Kollagenfasern, die das stark durchblutete Organ im rechten Winkel zur Längsachse umhüllen und so für die Erektion sorgen.

Ist ein Krake in Paarungsstimmung, schwillt ein Bereich an der Spitze des Begattungsorgans, die so genannte Ligula, an. Damit kann er nun höchst präzise in die Mantelhöhle des Weibchens eindringen und dort sein Spermapaket hinterlassen. Nach der Kopulation verkleinert sich der "Penis" wieder und verschwindet zwischen Hautfalten. Bislang war bei Weichtieren eine derartige anatomische Ausstattung unbekannt, sagt Voight. Kein Wunder. Denn ist das Tier nicht erregt, bleibt sein Begattungsorgan unsichtbar.

Dass ausgerechnet diese Krakenart eine Erektion bekommt, ist erklärlich: Das Fortpflanzungsorgan des tagsüber aktiven und deshalb gut getarnten Meeresbewohners ist auffällig weiß und die Forscher vermuten, dass große Ligulae deshalb bevorzugt werden, weil sie größere Spermapakete befördern können, also einen höheren Befruchtungserfolg garantieren. Um nicht zur leichten Beute zu werden, scheint es daher vorteilhafter, das Organ nur im entscheidenden Moment zu zeigen und es ansonsten lieber bedeckt zu halten. Anders bei zwei ebenfalls untersuchten, in der Tiefsee lebenden Kraken: Diese brauchen ihre größeren Ligulae in der dort herrschenden Dunkelheit nicht zu verstecken, haben deshalb auch keinen "Penis" entwickelt - und folglich keine Erektion.

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