Biologie: Ein Bild aus einem Guss

Wie es in einem Ameisennest aussieht, hat ein Forscher mit einer Form aus Metallschmelze

Mit Feuer und Flamme geht Walter Tschinkel der Sozialstruktur von Ameisen auf den Grund. Das kann man wörtlich verstehen: An einem Augustmorgen rückte der Wissenschaftler einer Kolonie von Ernteameisen (Pogonomyrmex badius) mit 30 Pfund geschmolzenem Zink aus einem selbst gebastelten Brennofen zu Leibe. Zehn Minuten später, als das Metall abgekühlt war, begann der Forscher von der Florida State University in Tallahassee, die Skulptur auszugraben und seinen wissen-schaftlichen Schatz zu bergen.

Das Ergebnis war eindrucksvoll - statt Dutzende von Einzelteilen, wie sie bei früheren Ausgüssen auftraten, für die Dentalgips mit Latex oder Glasfaser versetzt worden war, erhielt Tschinkel das 3-D-Modell eines Nestes aus nur acht Bruchstücken.

Der Aufbau von Ameisennestern gleicht sich bei verschiedenen Spezies: Von vertikalen Tunneln für den Transport und die Fortbewegung gehen horizontale Kammern ab, die für Vorratshaltung und Aufzucht genutzt werden. In Form, Zahl und Größe der Kammern aber unterscheiden sich die Bauten. Die untersuchten Ernteameisen graben durchschnittlich 100 Kammern in ihre bis zu zwei Meter tiefen Nester. Die Kammern nahe der Erdoberfläche sind verhältnismäßig groß und eng zusammen, tiefer im Boden liegen sie weiter auseinander, sind kleiner und oval geformt.

Laut Tschinkel pflegen und versorgen die jüngsten Arbeiterinnen die Brut und die Königin, die ganz unten im Nest residiert. Als Nestputzerinnen beginnen sie, sich im Wortsinne "hochzudienen", halten später am Nesteingang Wache, und die Ältesten sammeln im "Außendienst" Samen und kleine Insekten.

Ganz zufrieden ist Walter Tschinkel auch mit dem Zink-Abdruck noch nicht. Das abkühlende Metall erhärtete, bevor es den Boden des Nestes erreichte. Mit geschmolzenem Aluminium will er einen neuen Versuch unternehmen.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 4/2004

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