Meeresbiologie: Wie sich Korallen schützen

Mit fluoreszierenden Pigmenten schützen Korallen ihre Mitbewohner, die die Nesseltiere zum Leben brauchen

Es ist Nacht über Australiens Großem Barriereriff. Als Taucher in das Dunkel vordringen und Lampen mit Blaulicht einsetzen, bietet sich ihnen ein spektakulärer Anblick: Die Korallenbänke leuchten in bunten, eigenartig grellen Farben.

Es sind Eiweiß-Pigmente im Innern des Korallengewebes, die in auffälligen Grün-, Orange- und Rottönen schillern, sobald sie mit blauem oder ultraviolettem Licht angeregt werden. Bei Tageslicht sind diese Farben kaum zu sehen. Ihre gewöhnliche Färbung erhalten Korallen von Myriaden in ihnen lebenden Algen, Zooxanthellen genannt, welche die Nesseltiere mit lebenswichtigen Kohlenhydraten versorgen. Diese Symbiosepartner zu schützen sei der eigentliche Zweck der fluoreszierenden Pigmente, die von so genannten Pocilloporin-Proteinen gebildet werden, meint Anya Salih. Die Biologin vom Institute of Marine Science der University of Sydney ist regelmäßig im Great Barrier Reef zu Forschungen unterwegs.

Die Zooxanthellen benötigen einerseits Licht für die Photosynthese, andererseits sind sie anfällig gegen UV-Strahlung.

Die hat unter anderem durch das wachsende Ozonloch über der Südhemisphäre in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Zusammen mit erhöhter Meerestemperatur trägt die gefährliche Strahlung zum Absterben der Mikroorganismen bei, von denen auf einem Quadratzentimeter Korallenhaut bis zu sechs Millionen leben. Zurück bleiben weiße Skelettwüsten, wie bei den großen Korallenbleichen (Coral Bleachings) in den Jahren 1998 und 2002.

"Die Pigmente schützen vor zu starker Sonneneinstrahlung", sagt Anya Salih. So befinden sich die fluoreszierenden Pigmente bei oberflächennahen Korallen vor allem über den Zooxanthellen. Dort, so Salihs Vermutung, wandeln sie die gefährliche, kurzwellige ultraviolette in weniger schädliche langwellige Strahlung um - wobei das energiereiche UV-Licht zunächst von blauen Pigmenten absorbiert und in energieärmeres Blau transformiert wird. Das verwandeln die schillernden Pigmente danach schrittweise in Grün, Gelb und zuletzt in langwelliges Rot. "Bis die Sonnenstrahlen die tief im Inneren des transparenten Korallengewebes sitzenden Zooxanthellen erreicht haben, sind deren Wellenlängen so weit gestreut, dass sie deutlich weniger Schaden anrichten", erklärt Salih.

Zusammen mit Andrew Baird von der James Cook University in Townsville im australischen Queensland und Steve Coles vom Bishop Museum Hawaii hat die Biologin ausgewählte Korallen-Kolonien untersucht, die seit der Bleiche 2002 geschädigt worden waren. Ergebnis: Die stark fluoreszierenden zeigten rund 20 Prozent weniger lichtbedingte Stresssymptome als ihre nicht fluoreszierende Verwandtschaft. Auch gab es Hinweise darauf, dass sich bestimmte Korallen höheren Temperaturen und Lichtverhältnissen anpassen, sich also akklimatisieren könnten.

Trotzdem droht infolge der globalen Erwärmung weitere Zerstörung. Auch intakte Riffe könnten stärkere Bleaching-Attacken nur überleben, wenn diese nicht allzu schnell hintereinander aufträten, sagt Andrew Baird. Korallenriffe brauchten etwa zehn bis 15 Jahre, um sich von größeren Störungen zu erholen. Doch diese Zeit bleibt ihnen nicht: Im Großen Barriereriff bahnt sich bereits die nächste große Bleiche an - nach nur zweijähriger Pause. Baird: "Sollten auch die kommenden Jahre so überdurchschnittlich heiß werden wie die letzten, haben die Riffe keine Chance mehr, sich zu regenerieren."

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