Biologie: Große Brut, wenig Luft

Entweder den Nachwuchs umsorgen oder tief durchatmen: Maulbrüter wie die Kardinalbarsche müssen gut abwägen, wenn nachts im Riff der Sauerstoff knapp wird

Dass männliche Wesen bisweilen den Mund zu voll nehmen, ist auch bei tropischen Kardinalbarschen nicht ungewöhnlich - in diesem Fall jedoch überlebensnotwendig. Bis zu zwei Wochen lang behüten die Männchen die befruchteten Eier in ihrem Kehlsack. Fressen ist währenddessen unmöglich. Also müssen die werdenden Väter in dieser Zeit hungern.

Doch lässt sich mit vollem Mund wenigstens normal atmen? Schließlich spielt die Fressöffnung auch bei der Fischatmung eine große Rolle. Durch pumpende Bewegungen der den Sauerstoff aufnehmenden Kiemen entsteht im Maul ein Sog; der lässt das O2-haltige Wasser einströmen, das später unter dem Kiemendeckel wieder austritt.

Sara Östlund-Nilsson und ihre Kollegen von der Universität Oslo gingen der Atmungsfrage am Großen Barriereriff bei Lizard Island auf den Grund, wo sie etliche Exemplare der Spezies

Apogon fragilis

und

Apogon leptacanthus

für Verhaltensstudien einfingen - jeweils brütende und nicht brütende Männchen zum Vergleich. Die nur vier bis fünf Zentimeter großen Kardinalbarsche leben als Schwarmfische bevorzugt in verzweigten Korallenbänken, in ein bis fünf Meter Tiefe.

Doch das Leben im Riff hat seine Tücken. Besonders nachts sinkt mitunter der Sauerstoffgehalt des Wassers drastisch, weil Photosynthese betreibende Algen mangels Sonnenlicht nicht produktiv sind. In diesem Fall verfolgen beide Arten unterschiedliche Strategien, wie die Biologin beobachtete.

Apogon fragilis

- sein Gelege macht etwa 20 Prozent des Körpergewichts aus - kapituliert, wenn die Sauerstoffsättigung im Meer auf 22 Prozent sinkt. Er spuckt die Brut aus und rettet dadurch sein Leben.

Apogon leptacanthus

hingegen - sein Gelege ist um ein Viertel kleiner - kann mit diesen Sauerstoffwerten noch gut auskommen. Er ventiliert einfach heftiger. Erst wenn die O 2 -Sättigung auf 13 Prozent sinkt, überlässt er den Nachwuchs schutzlos seinem Schicksal.

Offenbar sind dies zwei verschiedene Wege zum selben Ziel: maximierte Fortpflanzung. Eine große Brut im Schutz des Mundes bis zum Schlüpfen zu bringen, bedeutet größeren reproduktiven Erfolg. Andererseits bedingt ein größeres Gelege im Maul eine besondere Anfälligkeit in Krisenzeiten mit knappem Sauerstoff. Während die eine Fischart mit einer kleinen Brut lieber auf Nummer sicher geht, spielt sein Verwandter mit vollem Risiko. Seine Strategie geht nur auf in besonders sauerstoffreichen Perioden am Riff.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 8/04

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