Naturschutz: Im Flug erfasst

Etwa 15000 Fledermäuse überwintern jährlich in den Bad Segeberger Kalkberghöhlen - einem der größten Winterquartiere Europas. Mittels einer neuen Methode können nun erstmals Anteile der verschiedenen Arten genau bestimmt werden

Selbst Fachleute müssen passen: War das gerade ein Mausohr, ein Braunes Langohr oder gar die seltene Bechsteinfledermaus? Das bleibt oft ein Rätsel, denn im Flug sind viele Fledermausarten optisch kaum zu unterscheiden. Je nach Spezies und Flügelspannweite erreichen sie Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h, sodass allenfalls huschende Schatten und ein Lufthauch von ihrer Anwesenheit zeugen. Doch dank ausgeklügelter Digital- und Infrarottechnik gelangen nun gestochen scharfe Bilder von über 1000 Fledermäusen - während sie flogen. Medientechnik-Studenten der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg gemeinsam mit Mitarbeitern des Naturschutzbundes (Nabu) Schleswig-Holstein filmten die streng geschützten Tiere beim Ausflug aus einem der größten natürlichen Winterquartiere Europas: den Kalkberghöhlen in Bad Segeberg. Jährlich fallen hier rund 15000 Fledermäuse in kollektiven Winterschlaf.

Schon in den 1990er Jahren installierte der Biologe Karl Kugelschafter Lichtschranken und Videokameras an den Ausfluglöchern (siehe GEO Nr. 8/1999). Doch die Qualität der analogen VHS-Technik reichte für effektive Studien nicht aus, sodass eine genaue Aufschlüsselung der Artenvielfalt für die Höhle bis heute fehlte. Eine alternative Methode musste her. Und so begann das Filmprojekt mit der HAW. Zwei Ausgänge hat das Höhlensystem, an deren Öffnungen die Studenten jeweils einen großen Kasten befestigten, versehen mit Lichtschranke und Infrarotscheinwerfer. Durch einen 20 mal 60 Zentimeter langen Schlitz im Kasten konnten die Fledermäuse nach dem Winterschlaf das Quartier verlassen. In einem ersten Probelauf überwachten die Projektmitglieder im April eine Woche lang den Flugbetrieb. Durchbrach eine Fledermaus die Lichtschranke, löste dies für eine Sekunde Kamera und Bildspeicherung im Computer aus. Mit einer Kameraverschlusszeit von einer zweitausendstel Sekunde wurden die scheuen Tiere von unten gefilmt. Der Clou: Die kurze Verschlusszeit ist synchron mit dem Flügelschlag der Tiere. So entstehen gestochen scharfe Digitalbilder - das früher notwendige tagelange Suchen nach geeigneten VHS-Aufnahmen entfällt.

Mindestens eines der Standbilder zeigt die Fledermaus jeweils mit weit ausgebreiteten Flügeln, sodass die artcharakteristische Schwanzflughaut zwischen den Beinen gespannt und bis in die feinsten Äderchen erkennbar ist. Für jeden nächtlichen Flieger wird eine Datei geschrieben. 1000 Fledermäuse erhielten auf diese Art schon ein "Passbild". Von der nächsten Saison an soll jedes Mitglied der Winterschläfergemeinschaft beim Ausflug abgelichtet werden.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin Nr. 11/04

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