Ägyptologie: Heiliges Getier

Skorpione und Insekten wurden im alten Ägypten als Gottheit verehrt

Mumifiziert sollten die toten Körper Jahrtausende überstehen. Der aufwendigen Einbalsamierung wurden nicht nur Pharaonen wie Tutanchamun unterzogen, sondern auch Körper ganz anderer Art. Zum Beispiel glänzend schwarze Mistkäfer der Gattung Scarabaeus. Denn die "Dungkugelroller" wurden von den Bewohnern des Niltals für heilig gehalten und als Sinnbild einer Gottheit verehrt.Wie nämlich die Käfer ihre Dungkugeln formen, eifrig über den Boden rollen und dann in der Erde versenken, erschien den Ägyptern als ein Gleichnis für den Sonnenball, der von der Unterwelt aufwärts und unter dem Himmelszelt entlang gerollt wird. So erscheint Chepri, der Gott der aufgehenden Sonne, in Gestalt eines Skarabäuskäfers. Dass dann noch - gleichsam aus dem Nichts - zuweilen neue Käfer aus den im Erdboden vergrabenen "Brutbirnen" schlüpfen, erweckte den Eindruck einer Selbstzeugung - Chepri galt als "der, der aus sich selbst entstand".

Außer Chepri wurden eine ganze Reihe weiterer Insekten verehrt, "zum Beispiel Schnellkäfer, die sich tot stellen und unerwartet mit einem lauten Klickgeräusch hochschnellen können", berichtet Hermann Levinson,Entomologe am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie im bayerischen Seewiesen. Dieses Verhalten symbolisierte die Auferstehung der Toten. "Neben den harmlosen Käfern sind auch ausgesprochen wehrhafte Arten verehrt worden: Skorpione, Honigbienen, Hundertfüßer, Gottesanbeterinnen und Wasserwanzen", ergänzt Levinsons Frau Anna. Mehr als 20 Jahre lang hat das Forscherehepaar zusammengetragen, was Statuen, Malereien, Reliefs und Hieroglyphen in Grabkammern und Museen über die Beziehungen der Niltalbewohner zu stechenden, beißenden und giftigen Gliederfüßern übermitteln.

Der früheste Beleg für ein "erdhausendes, vielfüßiges und giftiges Gliedertier", das zum Symbol einer Unheil abwehrenden Gottheit erhoben wurde, ist mehr als 4480 Jahre alt; er stammt aus dem Totentempel des Königs Sahure bei Sakkara, südlich von Kairo. Er zeigt einen zwölf Zentimeter langen Körper mit vielen Beinpaaren, zwei Antennen am Kopf und einer Greifzange am Ende. Dies weist die Figur als Skolopender aus - ein Hundertfüßer, wie er heute noch in Ägypten vorkommt und wegen seiner schmerzhaften Bisse bekannt ist. Die Hieroglyphe jenes "Riesenläufers" bezeichnete zugleich den Schutzgott Sepa: Dieser hatte die Aufgabe, gefährliche Tiere wie bissige Gliederfüßer und Giftschlangen abzuwehren.

Auch für Hededet, die die Muttergöttin Isis und die Schutzgöttin Selket vereint, stand ein giftiges Tier Pate. Kopf, Brust und Arme einer Frau erwachsen aus dem segmentierten Körper eines Skorpions, dessen Stachel sich zum Angriff in die Höhe reckt. Was die Ägypter an Skorpionen beeindruckte, war nicht nur deren Wehrhaftigkeit. Als sorgfältige Naturbeobachter bewunderten sie auch die Fürsorglichkeit dieser Spinnentiere: Gut eine Woche lang, bis zur ersten Häutung, tragen die Muttertiere ihren Nachwuchs auf dem Rücken und lassen die Jungen an ihren Mahlzeiten teilhaben. Ein ebenfalls wehrhaftes Insekt diente der unterägyptischen Königskrone als Wappentier: die Honigbiene. Und auf Beute lauernde Gottesanbeterinnen ermahnten dem Forscherehepaar zufolge die Ägypter an die Verrichtung ihrer Gebete mit himmelwärts erhobenen Armen und Händen - eine Andachtsstellung, in der noch heute viele Menschen beten.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin Nr. 11/04

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