7. GEO-Tag der Artenvielfalt in Berlin

Über 1400 Tier- und Pflanzenarten, von der Nachtigall bis zu einer alten Heilpflanze mit dem Namen Herzgespann, wurden bei der Hauptaktion am 11. Juni im Berliner Tiergarten nachgewiesen.
In diesem Artikel
Artenvielfalt trotz großer Belastung
Ein Event mit Breitenwirkung

Artenvielfalt trotz großer Belastung

Dass die circa 100 beteiligten Experten, allesamt Koryphäen auf ihrem Gebiet, bei ihrer "Volkszählung" in Berlins grüner Mitte nicht noch mehr pflanzliche und tierische Bewohner aufspüren konnten, war wetterbedingt, dass es immerhin nicht weniger als tausend waren, beruhigte sie andererseits. Denn das Terrain, das sich GEO, unterstützt von der Deutschen Umwelthilfe und der Deutschen Wildtier Stiftung, für die diesjährige Stichprobe zum Zustand der Natur ausgesucht hatte, ist ein klassisches Konfliktfeld zwischen Naturschutz und urbanem Nutzungsdruck.

7. GEO-Tag in Berlin
7. GEO-Tag der Artenvielfalt in Berlin
Über 1400 Tier- und Pflanzenarten brachte allein die Hauptaktion am 11. Juni im Berliner Tiergarten zu Tage.Mit Fotoshow
7. GEO-Tag in Berlin: Fotos
7. GEO-Tag der Artenvielfalt in Berlin: Fotoshow
Sehen Sie hier die spannenden Fotos von der Expedition durch den Berliner Tiergarten
7. GEO-Tag in New York
7. GEO-Tag der Artenvielfalt in New York
GEO-Redakteur Martin Meister berichtet vom großen Artencheck im "Big Apple" - die Parallelveranstaltung zu Berlin

Strapaziertes Refugium

Nach sonnigen Wochenenden sind nicht weniger als 19 Lastwagen-Ladungen Müll zu entsorgen, die hohe "Trittbelastung" der Grünflächen durch Erholungssuchende gibt zarten Pflänzchen, darunter auch vielen Moosen, keine Wachstumschance, und wirklich wild an dem von mehrspurigen Verkehrsmagistralen umgebenen Stadtpark ist in den Augen vieler nur noch die Loveparade, die den Tiergarten mehrmals zum Eventcenter umwidmete.

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Prof. Dr. Ingo Kowarik von der TU Berlin, GEO-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede und Bundesumweltminister Jürgen Trittin beim GEO-Tag der Artenvielfalt im Berliner Tiergarten (von links) 

Ökologische Bestandsaufnahme

Bei der Arteninventur im Tiergarten ging es allerdings nicht um Zahlenrekorde oder möglichst sensationelle Erstnachweise. Außerdem war nicht zu erwarten, dass spektakuläre Arten wie etwa der Eisvogel, der in den 1960er Jahren verschwand, nun plötzlich wieder zu sehen sein würden. Eher schon ging es darum, auch an teils unscheinbaren Indikatoren für Luft- und Wassergüte, etwa parasitären Flechten oder Rotalgen, Belege für schleichende Veränderungen in der Umwelt zu sammeln. Und vor allem: das Bewusstsein der Öffentlichkeit für Veränderungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld zu wecken.

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Der Organisator des "Tages der Artenvielfalt" Tom Müller und Bundesumweltminister Trittin betrachten gespannt ein Insekt, das ein Schüler mit seiner Becherlupe eingefangen hat 

Ein Event mit Breitenwirkung

Dies gelang dem 7. GEO-Tag der Artenvielfalt in gleich mehrerer Hinsicht:

  • durch eine Vernetzung kompetenter Umwelt-Organisationen wie der Deutschen Umwelthilfe und der Deutschen Wildtier-Stiftung, aber auch der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die erstmals in Afrika, in Mali, eine "Journée de la Biodiversité" organisierte, sowie der "Global Biodiversity Information Facility", einem neuen Informationssystem zum internationalen Austausch von Artenfunden;
  • durch die Beteiligung wichtiger lokaler Forschungs-Institutionen wie der Humboldt-Universität, dem Botanischen Garten und Botanischen Museum der Freien Universität und dem Berliner Museum für Naturkunde, das unter anderem sein Mikroskopiezentrum für interessierte Laien zur Verfügung stellte;
  • durch ein "Gipfeltreffen" der Systematiker in der Biologie, die unter Nachwuchsmangel und Mangel an Fördergeldern leiden, ohne deren Wissen aber die Natur über kurz oder lang zu einem Buch mit sieben Siegeln werden würde;
  • durch den Abstrahleffekt, den auch die diesjährige Hauptveranstaltung auf weitere über 350 Nebenaktionen überall in der Bundesrepublik und angrenzenden Ländern hatte;
  • durch ein Medieninteresse, das ein "stilles" Langzeitthema wie die Biodiversität gewöhnlich nicht hat, solange es nicht um spektakuläre Natursysteme wie den Regenwald geht (so wird etwa "nano" am Montag, 13. Juni, um 18.30 Uhr auf 3sat berichten).

Bundesumweltminister war Schirmherr

Anderthalb Stunden lang informierte sich Bundesumweltminister Jürgen Trittin, Schirmherr des 7. GEO-Tages der Artenvielfalt, an einigen neuralgischen Punkten des Berliner Tiergartens über dessen aktuelle Verfassung. Bei der Abschlussveranstaltung in der Sony-Europa-Zentrale am Potsdamer Platz - Sony hatte Räume und aufwändige Übertragungstechnik kostenlos zur Verfügung gestellt - wies einer der Begründer der modernen Stadtökologie, Prof. Herbert Sukopp, auf die vier wichtigsten Gründe für die Relevanz von Biodiversität hin: die Funktion des Artenreichtums für die Stabilität ökologischer Systeme, ihre Relevanz für die biochemische und biologische Information, ihr Gewicht für die Grundlagenforschung - und nicht zuletzt für den Erhalt des Erholungswertes von Natur.

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Der Käferkundler Joachim Schulze beim Einsammeln von Käfern in seinem Fangschirm

Ergebnisse werden erst noch gesichtet

Darum ging es auch bei der Parallelveranstaltung in New York. Von dort wurde ein Interview mit dem Begründer der Soziobiologie und wohl weltweit berühmtesten Biodiversitätsverfechter, Edward O. Wilson, eingespielt. Und in einer Live-Konferenz-Schaltung berichtete ein GEO-Reporter vom Ergebnis der Artenzählung am Bronx River. Dort, so erwies sich, hatten die Spezialisten für Flora und Fauna nach vorläufiger Zählung nur etwa halb so viele Arten kartiert wie ihre Kollegen in Berlin. Aber auch die werden noch nachlegen. Denn vieles, was am 11. Juni in der Bundeshauptstadt außer Waschbären und Elf-Kilo-Hechten, außer 49 Vogelarten und über 300 "Höheren Pflanzen" gefunden wurde, ist so klein und so diffizil, dass es erst noch genauer unter die Lupe genommen werden muss.

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GEO-Reporter Martin Meister und Teresa Crimmens vom Bio Blitz berichten in einer Live-Schaltung aus New York von den Ergebnissen der Parallelveranstaltung "Bronx River Bio Blitz"

7. GEO-Tag in Berlin
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Über 1400 Tier- und Pflanzenarten brachte allein die Hauptaktion am 11. Juni im Berliner Tiergarten zu Tage.Mit Fotoshow
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7. GEO-Tag in New York
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