Artenvielfalt in Gefahr: Ski heil, Natur heil?

Nur ein halbes Jahr ist es her, da wurde im Schweizer Kanton Graubünden der "Parc Ela" eröffnet, befürwortet von 21 Gemeinden. Das 600-Quadratkilometer-Areal könnte der erste "Regionale Naturpark" der Schweiz werden. Wären da nicht die Pläne der Gemeinde Riom-Parsonz und der Savognin Bergbahnen AG

"Soll die Region Mittelbünden wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen, müssen Skitouristen her", sagt Leo Jeker, Direktor der Bergbahnen AG. Dafür ist in unberührter Alpenlandschaft, südwestlich von Savognin, ein Wellness-Ski-Resort mit bis zu 2000 Betten vorgesehen. So zumindest sieht es der Richtplan vor, den das Amt für Raumentwicklung Graubünden derzeit prüft. Einer mittelalterlichen Trutzburg nachempfunden, soll "Castle Radons" auf einem Almplateau in 1900 Meter Höhe thronen und den Touristen in schneesicherem Gebiet die Piste direkt vor der Tür offerieren - umgeben vom Parc Ela. Zu diesem Zweck ist vorsorglich eine Fläche, die nun wie eine Nase in den Park ragt, vom Schutzkonzept ausgeschlossen worden.

Ela ist jedoch keine gewöhnliche Alpenlandschaft, sondern eine wichtige Migrationsachse sowohl zwischen nord- und südalpinen Arten als auch zwischen Osten und Westen. Vier europäische Raufußhuhn-Arten (Alpenschnee-, Birk-, Auerund Haselhuhn) sind beispielsweise hier anzutreffen. Im Herzen Elas liegen zudem drei Moorlandschaften, laut Schweizer Verfassung als "von gesamtschweizerischer Bedeutung" klassifiziert und streng geschützt. Eine davon ist die Alp Flix, das Schmuckstück des heutigen Parks und vor sechs Jahren Austragungsort der Hauptveranstaltung des zweiten "GEO-Tags der Artenvielfalt".

Damals bestimmten Experten und Laien 2092 der geschätzten 10000 auf der Alm heimischen Tier- und Pflanzenarten. Vermutlich wäre die Alp Flix durch das Bauvorhaben nicht betroffen. "Für Ela allerdings bedeutete es ein Desaster", kritisiert Anita Mazetta vom World Wide Fund for Nature (WWF). Die Hotelanlage würde nicht nur das Landschaftsbild verschandeln und für Verkehrslärm sorgen. Rund um das Resort entstünde auch eine neue Siedlung. "Straßen, Restaurants, Geschäfte, Parkplätze und Unterkünfte für die Beschäftigten würden gebaut", sagt der Parkleiter Dieter Müller. Derartige Auswirkungen des Massentourismus könnten verhindern, dass Ela das Label "Regionaler Naturpark" überhaupt erhält, befürchtet Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: "Denn dessen Kriterien lassen nur naturverträgliche Aktivitäten zu."

Allein für die Grundfläche der geplanten Hotelanlage müssten 16 Hektar subalpine Almwiese mit Trockenrasen zerstört werden. "Das ist ein auf dieser Höhenstufe seltener und überaus artenreicher Habitattyp", sagt der Botaniker Martin Camenisch, der die Region Savognin sehr genau kennt. Hier mische sich kalkhaltiger, basischer Boden mit sauren Tonanteilen. Auf der Trockenwiese siedeln daher Pflanzenarten beider Bodentypen: zehn Orchideenarten oder auch die Schwefelanemone (Pulsatilla sulphurea) als Liebhaber des sauren Milieus neben der Weißen Alpenanemone (Pulsatilla alpina), die Kalk bevorzugt.

Durch das Bauprojekt mitbetroffen wäre der im Süden angrenzende Berg Piz Mez. Hier soll auf der nördlichen Talseite ein bereits bestehendes Skigebiet um 50 Prozent erweitert werden. Die neuen Pisten verliefen entweder direkt durch besonders geschützte Flachmoorzonen oder unmittelbar an diesen vorbei. Bis zu 1000 Touristen pro Stunde würden künftig mit einer neuen Sesselliftanlage und einer Bergbahn zum Gipfel befördert werden. Piz Mez verlöre damit seinen Status als Landschaftsschutzgebiet.

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